Melinda, Ungarn, Physiotherapeutin und Koordinatorin des „Spirituality-Program“ von „Kairos Europa“ (nähere Information dazu bei Barbara Herbst 0 76 73/51 91).Ich bin 43 Jahre alt, habe einen wunderbaren Mann und sechs Kinder von 4 bis 18 Jahren. Wir gehören zur sogenannten Bokor-Gemeinde, die wegen ihrer Gedanken und Praxis, die sich radikal am Evangelium orientieren, am Rande der katholischen Kirche lebt. Ich möchte über die „neue“ Lage seit 1989, ihre Versöhntheiten und Unversöhntheiten reden. Bis jetzt habe ich nur eine große Änderung erfahren, die gut ist: Wir dürfen frei sagen, was wir denken! Dafür gibt es neue Ängste in unserem Leben. Wegen der freien Marktwirtschaft haben wir jetzt hohe Arbeitslosigkeit. Die Inflation ist riesig. So ist in diesen acht Jahren die Mittelklasse fast verschwunden, und ein Drittel der Bevölkerung lebt unter dem Existenzminimum. Wir haben immer möglichst einfach gelebt, um mehr mit der „3. Welt“ teilen zu können. Jetzt haben auch wir Probleme mit unserem Brot, von den Schwierigkeiten z. B. beim Studium für unsere Kinder nicht zu sprechen. Wir können fast nur mehr unsere Zeit und unser Lachen teilen, was wichtig ist, aber nicht genug. Für Pensionisten z. B. geht es nur so lange gut, wie beide Ehepartner leben. Eine Rente ist für die Miete, von der anderen leben die beiden. Wenn einer von beiden stirbt, bleibt kein Ausweg aus der Armut.Unsere Industrien wurden zu lächerlichen Preisen verkauft. Die Bezahlung der Lehrer und der Personen, die im Gesundheitswesen arbeiten, ist die bisher niedrigste. Das alles könnten wir noch überleben. Die Folgen aber – Korruption, Gleichgültigkeit und Zynismus, das Verflachen menschlicher Beziehungen, körperliche und seelische Krankheiten, Drogenprobleme, Gewalt, Verfall der Kultur der Sexualität – bedrohen unsere Gesellschaft. Die Kirchen sind keine Hilfe: Sie beschäftigen sich meist mit Gebäuden, die sie zurückbekommen, während Menschen leiden. Trotz allem sind wir optimistisch! Auch heute liegt unsere Hoffnung in Gott, der uns umarmt, und in unseren Geschwistern. Wir beten , feiern, studieren, missionieren und dienen zusammen und helfen einander in schwierigen Tagen. Das bedeutet keine Passivität, sondern liebevolle, gewaltfreie, aber entschlossene Aktivität.