„Es ist eine falsche Auffassung, die annimmt, daß in der Kirche alles für alle Zeiten unabänderlich festgelegt sei; es wird naiv übersehen, daß die Kirche eine Geschichte hat, daß sie, ihrer menschlichen Seite nach, wie alles Menschliche von vornherein auf Entwicklung angelegt war, und daß diese Entwicklung sich häufig auch in Form von Kämpfen abspielt.“Edith Stein Werke V, 116Es tut gut, solch kluge Gedanken aus dem Mund einer Frau zu hören, die als Erwachsene in die ihr bis dahin unbekannte Kirche einzog. Es tut deswegen gut, weil diese aus einem ganz anderen denkerischen Horizont stammende Frau die Kirche als endliches Ankommen im Reichtum des Geistes verstand. So sind diese Sätze nicht säuerlich, sondern sachlich gesagt, in vol-ler Zustimmung zu diesem Reichtum und gleichzeitig in der klaren Sicht, daß die Kirche, wie alles Lebendige und erst recht alles Menschliche, wächst, sich ändert, sich ausfaltet, manches wieder einfaltet, Zeit und Zuversicht zum Verstehen des Neuen braucht, Altgewordenes ohne Bitterkeit verabschiedet. Kurz: Daß die Kirche keineswegs am Ende ist, wenn sogar Kämpfe in ihr toben. Unruhe ist keineswegs von sich aus ein Zeichen des Geistes – es gibt ja auch nervöse und böse Rastlosigkeit. Aber umgekehrt gilt doch: Wo der Geist ist, herrscht immer eine wundervolle und gewissermaßen glückliche Unruhe, Bewegung, Entfaltung.So ist in Edith Steins Augen die Kirche menschlich-lebendig, ein immer neu gestaltetes Gefäß aus Ton für seinen Inhalt. Von Edith Steins freiem und weitem Standpunkt aus – immer hat sie das Katholische als frei und weit empfunden – liebt sie es sogar zu denken, daß der Gefäßrand der Kirche von ihrem Inhalt überströmt wird. So kommt es zu dem schönen Satz, in dem die ganze Suche, aber auch das Ankommen Edith Steins in der Kirche, das Immer-schon-zuhause-Sein in ihrem sichtbaren Ganzen einen Ausdruck findet: „Es hat mir immer sehr fern gelegen zu denken, daß Gottes Barmherzigkeit sich an die Grenzen der sichtbaren Kirche binde. Gott ist die Wahrheit. Wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nicht.“ (ESW IX, 102).Aus: Hanna Gerl-Falkovits, Edith Stein, Herder 1994.