Vom 22. bis 28. Jänner besucht Johannes Paul II. Mexiko und die USA
Ausgabe: 1999/03, Papst, Mexiko, USA
20.01.1999
- Walter Achleitner
Tijuana, die mexikanische Grenzstadt, galt lange Zeit als das Tor ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Doch seit die ClintonRegierung an der 2000-Meilen-Grenze zum südlichen Nachbarn aufrüstet, wachsen Armut und Elend.Saul kam alleine, seine Familie blieb in El Salvador. Die einzige Kuh wurde verkauft, sein Geld, das er aus den USA schicken werde, sollte Frau und Kindern das Überleben sichern. Doch die„Kojoten“ – wie die Schlepper in Lateinamerika genannt werden – brachten den 38jährigen nur nach Mexiko. Zur Endstation für Tausende Migranten aus Mittel- und Südamerika ist die 3115 Kilometer lange Trennlinie zwischen „Erster“ und „Dritter Welt“ geworden, die zwischen Matamoros und Tijuana verläuft. Und seit die US-Regierung unter Präsident Bill Clinton an der Grenze zu Mexiko aufrüstet, wird der Grenzübertritt ohne Papiere zum tödlichen Abenteuer. In den letzten vier Jahren starben 1185 Menschen, weil sie illegal die Grenze überquerten, heißt es in einer Studie der Universität Huston. Die Dunkelziffer, so der Bericht, sei jedoch viel höher. Es gibt keine Statistik über jene, die auf der Flucht vor der Grenzpolizei in der Hitze der Wüste buchstäblich austrocknen oder in den Bergen bei Tijuana in den Wintermonaten erfrieren.Erst im Mai vergangenen Jahres hat amnesty international (ai) einen Bericht über die Situation an der Grenze zwischen Kalifornien und Texas vorgelegt. Fazit: In den vergangenen Jahren haben die Menschenrechtsverletzungen durch Grenzpolizei und Armee massiv zugenommen. „Katz und Maus“-SpielBesorgniserregend sei das Schicksal unbegleiteter Jugendlicher und Frauen. So wurde Daniel von Grenzpolizisten derart verknüppelt, daß auf den routinemäßigen „Prozeß“ – Foto und Fingerabdruck vor der Rückschiebung – verzichtet wurde. Oder der Fall zweier Guatemaltekinnen, die stundenlang von Grenzpolizisten sexuell mißbraucht wurden, und anschließend mit je einem Dollar weiterziehen durften.Die Grenzanlage bei Tijuana ist zu einer schier unüberwindbaren Barriere geworden, die sich in der Nacht wie ein gelb erleuchtetes Band gespenstisch über die Hügel zieht. „Es ist ein ,Katz und Maus‘-Spiel“ sagt Schwester Armida, „das hier vor unseren Augen abläuft. 90 Prozent von denen, die es versuchen durchzukommen, werden zurückgeschickt. Und wer es aufgibt, über die Grenze zu gehen bleibt hier in Tijuana hängen.“ Schwester Armida leitet das „Haus der Armen“ in Tijuana. Jeder erhält hier ein Essen, ohne nach Papieren gefragt zu werden; an mehr als 1000 Personen geben die zwölf Ordensfrauen hier täglich eine Mahlzeit aus. Und um den massiven Andrang bewältigen zu können, arbeiten 80 Obdachlose mit. Einen Teil ihrer Arbeit mit den Migranten finanziert missio-austria (PMW) in Wien.Arbeit und GesundheitNeben der Arbeit im „Haus der Armen“ fahren die Schwestern auch in die Siedlungen, die hier wachsen. Lebten vor 20 Jahren noch 430.000 Menschen in der Grenzstadt, so sind es heute schon eine Million, und täglich werden es mehr. Da haben Schwestern Clara und Schwester Esther in der Siedlung Panamericana alle Hände voll zu tun. Arbeit und Gesundheit sind die Hauptprobleme. Nur wenige finden eine Anstellung in den Maquilladoras. Und wer dennoch für US-amerikanische Firmen unter miesesten Bedingungen mehr als zwölf Stunden täglich arbeitet, erhält weder einen gerechten Lohn noch eine Krankenversicherung. Das wirkliche Geschenk Am 24. Jänner stellt Papst Johannes Paul II. das Abschlußpapier der Amerika-Synode vor.Es war in der Zeit landgieriger spanischer Eroberer, in der alle Indios auf ein Zeichen der Hoffnung warteten – so heißt es in der Legende. Die Chronisten schreiben den 12. Dezember 1531, als die Mutter Gottes – in Gestalt einer Indio-Frau – einem armen Bauern erschien. Und Maria bat Juan Diego, ihr hier eine Kirche zu errichten, „in der sie alle Klagen seines Volkes hören wolle und all sein Elend lindern“. Zum Zeichen dafür erblühten Blumen, und wundersam prägte sich das bräunlich getönte Antlitz Mariens in den weißen Umhang Diegos. Aus der kleinen Kirche am Tepeyac-Hügel wurde jener Wallfahrtsort, zu dem weltweit die meisten Gläubigen pilgern. Nicht nur, daß Mexiko-Stadt, in deren Norden der Gnadenort liegt, mit 19 Millionen Einwohnern die größte Diözese der Weltkirche ist, sondern die Jungfrau von Guadalupe gilt auch als Patronin Amerikas. Darum hatten 1997 die zur Amerika-Synode in Rom versammelten Bischöfe den Papst gebeten, sein Schreiben an die Kirche des Kontinentes hier vorzustellen, an der Bruchlinie zwischen „Erster“ und „Dritter Welt“.Ob auch Rom die Sorgen und Nöte der Kirche des vom Leid getränkten Kontinentes gehört hat, wird die päpstliche Antwort auf die Synode zeigen. Diese als „Geschenk“ zu bezeichnen ist übertrieben. Denn in Guadalupe gibt es nur ein wirkliches Geschenk für Amerika – die Mutter Gottes mit dem Antlitz einer leidgeprüften Indio-Frau.