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Einstieg in eine neue Praxis

Kommentar zum Sonntag
Ausgabe: 1999/03, Evangelienkommentar
20.01.1999
- Anna Wall-Strasser
Jesus steht, der heutigen Evangeliumsstelle folgend, am Beginn seines öffentlichen Wirkens. Da bekommt er gleich einmal sehr deutlich einen „Schuß vor den Bug“: Johannes der Täufer, sein Vorgänger und wahrscheinlich auch engerer Freund, wird ins Gefängnis geworfen (und später umgebracht). So ergeht es vielerorts Menschen, die es wagen, laut und deutlich eine Veränderung der Zustände zu fordern. Jesus hat das gleiche vor, und da er weiß, wie gefährlich das werden wird, zieht er sich vorerst zurück. Er geht nach Kafarnaum, einer Kleinstadt im politisch und wirtschaftlich unbedeutenden ländlichen Randgebiet. Die Mächtigen sind weit weg, hier fällt er nicht sofort unangenehm auf. Hier beginnt er zu verkünden: Kehrt um! Das Reich Gottes ist nahe! Von falschen HerrenHinter diesem Kürzel verbirgt sich die gesamte Botschaft Jesu mit all ihrer Sprengkraft. Kehrt um! – das heißt Veränderung auf allen Ebenen. Es heißt: denkt anders, lebt anders, handelt anders. Es bedeutet den Einstieg in eine neue Praxis. Es bedeutet, Gott als Herrscher anzuerkennen, nicht wie damals den römischen Kaiser, nicht Könige, nicht Großgrundbesitzer, nicht Hohepriester und Schriftgelehrten. Es ist eine radikale Kritik an den herrschenden Verhältnissen, und damit eine wahrhaft frohe Botschaft für die vielen Notleidenden und sozial Entwurzelten in dieser krisengeschüttelten Gesellschaft des ersten Jahrhunderts.An den Beginn des Wirkens Jesu stellt die Evangeliumserzählung dann auch die Berufung der ersten Jünger. Die Sache Jesu ist nicht Sache eines Individuums, sondern einer Gruppe, eines Kollektivs. Vier Fischer werden genannt, Angehörige der Unterschicht, in ihrer Existenz anhängig von Wind und Wetter und ihrem Geschick, und als Normalbürger ständig am Rand des Existenzminimums. Jesus sieht sie bei ihrer Arbeit und redet sie an – und sie folgen ihm. Es muß sie sehr fasziniert haben, was dieser Jesus sagte und tat, es muß für sie eine Botschaft der Hoffnung, der Zukunft gewesen sein, denn sie haben sich klar und eindeutig entschieden. Aus den Fischern wurdem Menschenfischer. Das bedeutet für mich auch, daß sie von Jesus in ihrer konkreten Existenz, mit ihren Fähigkeiten und Kenntnissen angefragt und ernst genommen wurden. . . . hat Hand und FußNachfolge bedeutet wohl Veränderung, aber ich muß keine andere, kein anderer sein als ich bin. Das, was ich bin und was ich kann ist genug, wenn ich es einbringe in die konkrete Nachfolge. Und die ist mehr als ein Geschehen in den Köpfen, Herzen und zwischenmenschlichen Beziehungen. Es ist eine Praxis der Hände, sie nimmt die ökonomische Situation der Menschen und ihre Ursachen ernst. Es ist eine Praxis der Füße, der Geschwisterlichkeit und der politischen Hoffnung auf Freiheit und Selbstbestimmung für alle Menschen. Und es ist eine Praxis der Augen, die Kritikfähigkeit und Hellsichtigkeit des Glaubens, die die vielfältigen Lügen der Ideologien der Macht durchschaut.
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