Die Erzählung von der Tochter Jiphtachs ist eine ausweglose, bittere Geschichte über das Schicksal einer jungen Frau. Sie gehört zu jenen „Geschichten des Schreckens“, die Männer vielleicht akzeptieren und als gottgewolltes Schicksal deuten können. Für Frauen aber bleibt diese Geschichte unerträglich, sie lesen Texte wie diese mit anderen Augen.Die mächtiger werdenden Ammoniter bedrohen Israel, vor allem jene, die im Gebiet von Gilead und in der Stadt Mizpa wohnen. Jiphtach wird gebeten, Israels Anführer im Kampf gegen die Ammoniter zu sein. Jiphtach, ebenfalls aus Gilead und von seinen Halbbrüdern von dort vertrieben, will zuerst nicht recht. Als sie ihm aber versprechen, daß er ihr Herrscher sein wird, wenn er sie in den Kampf führt, willigt er ein. Jiphtach zieht in den Kampf, „da kam der Geist Gottes auf ihn“ (Ri 11, 29). Anstatt mit Überzeugung und Mut zu handeln, reagiert er mit Zweifel und Forderungen: Wenn du die Ammoniter wirklich in meine Hand gibst . . . dann werde ich als Brandopfer darbringen, was mir als erstes begegnet, wenn ich nach Hause komme. Nicht Gott fordert, sondern Jiphtach macht dieses Gelübde. Es ist ein Akt seiner Glaubenslosigkeit. Jiph-tach glaubt erkaufen zu müssen, was er ohnehin bereits frei bekommen hatte, Gottes Hilfe. Auf dieses Gelübde gibt es keine Antwort Gottes.Als Jiphtach nach Hause kommt, ist es seine Tochter, sein einziges Kind, das ihm entgegenläuft. Wiederum handelt Jiphtach völlig unverständlich: er beschuldigt seine Tochter, für sein Unglück – den Tod seines einzigen Kindes – verantwortlich zu sein! Jiphtach erzählt ihr von dem Gelübde, das er Gott gegeben habe, kein Wort erwähnt er über dessen Zustandekommen. Sie, die Namenlose, will, daß er „sein Wort hält“, auch wenn es ihren Tod bedeutet. Sie erbittet eine Frist von zwei Monaten; mit ihren Freundinnen will sie trauern um ihr unerfülltes Leben, das vorzeitig und durch Gewalt enden soll. Dann kehrt sie zurück, und Jiphtach tötet seine Tochter.Obwohl sie ohne Nachkommen stirbt – es bedeutete damals, von niemand in Erinnerung gehalten zu sein – wird es Tradition, daß alle Frauen Isra-els ihrer gedenken, jedes Jahr vier Tage um sie trauern und sie so nicht in Vergessenheit geraten lassen.