Vorarlberger floh zum zweiten Mal in nur 10 Monaten aus Sierra Leone
Ausgabe: 1999/04, Sierra Leone, Bruder Josef Erhard
26.01.1999
- Walter Achleitner
Als „Anarchie“ und „Chaos“ beschreibt Bruder Josef Erhard von den Barmherzigen Brüdern die Situation in Sierra Leone. „Es herrschte unbeschreibliche Panik. Wir hatten 20 Minuten, um das Krankenhaus zu räumen. Stellen Sie sich vor, in dieser Zeit mußten wir 100 Patienten nach Hause schicken.“ Mit diesen Worten beschreibt Bruder Josef den Anfang vom Ende seines Einsatzes in Sierra Leone. Denn zum zweiten Mal in nur zehn Monaten war der Barmherzige Bruder aus Bludenz gezwungen, aus dem westafrikanischen Land zu flüchten. „Die Arbeit ist sinnlos geworden. Mit unserem Spital und den Medikamenten waren wir vorrangiges Angriffsziel der Rebellen. Wir konnten nicht mehr helfen, weil wir selber Hilfe brauchten, um aus dieser Situation herauszukommen“, analysiert er seinen neuerlichen Versuch, im Krankenhaus von Lunsar zu arbeiten. Wieder gut angelaufenErst am 14. Februar vergangenen Jahres war der Vorarlberger von einer Gruppe schwerbewaffneter Rebellen entführt und zwei Wochen als Geisel festgehalten worden. Nach der Freilassung und einem Aufenthalt in Österreich war er am 8. August in die Hauptstadt Freetown zurückgekehrt. Drei Wochen später gelang es, das rund 80 Kilometer entfernte Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Lunsar wieder zu eröffnen. „Außer kaputten Türen und zerschlagenen Fenstern war nichts mehr im Spital. Unsere Mitarbeiter haben die Stadt abgegrast, und die Krankenhausbetten und Matratzen gesucht“, erzählt der Arzt. Der Betrieb sei auch überraschend gut angelaufen. Innerhalb nur weniger Wochen waren die 100 Betten voll ausgelastet, und täglich kamen rund 350 ambulante Fälle zur Behandlung. „Das war unser Gradmesser. Sind die Patienten ausgeblieben, dann hieß es: Vorsicht, da ist etwas im Busch!“Schlag auf SchlagDie ersten Monate in Lunsar verliefen auch deshalb so ruhig, meint Bruder Josef gegenüber der Kirchenzeitung, weil Regenzeit war. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Zuerst wurde Mitte November der italienische Pater Mario Guerra entführt – er ist noch immer in der Hand der Rebellen. Und am 1. Dezember kam der Funkspruch: „Eine große Rebellengruppe steht wenige Kilometer vor dem Spital und beabsichtigt sich mit Medikamenten einzudecken.“ Das führte zum fluchtartigen Verlassen des Krankenhauses in Richtung Makeni. Von dort aus habe man die Entwicklung in Lunsar verfolgt. Als jedoch die Rebellen auch die für ihren Diamantenreichtum bekannte Region östlich von Makeni handstreichartig eroberten, blieben nur zwei Möglichkeiten: nach Guinea zu flüchten, wie rund eine halbe Million Menschen aus Sierra Leone, oder versuchen, über den Flughafen nach Europa zu gelangen.Verbrannte Erde„Es war schrecklich“, beschreibt Bruder Josef die Fahrt im Geländewagen, „links und rechts Flüchtlingskolonnen, Kinder und Erwachsene. Sie tragen ihre ganze Existenz in einem Bündel auf dem Kopf. Sie stehen vor dem Nichts; die Rebellen brennen ihre Dörfer nieder. Und wehe man fällt ihnen in die Arme, dann passieren grauenvolle Dinge – und für jene, die zu Fuß unterwegs sind, ist die Gefahr am größten.“ Gleichzeitig war ihm klar: „Wenn wir jetzt gehen müssen, dann kommen wir wahrscheinlich nicht mehr so schnell zurück. Denn beim besten Willen: Komplette Anarchie und Chaos machen eine Arbeit hier unmöglich.“Hintergrund„Es sei unmöglich, die Toten auf den Straßen von Freetown zu zählen“, schreibt Bischof Giorgio Biguzzi von Makeni. Letzte Woche appellierte er an die Welt, dem westafrikanischen Sierra Leone zu helfen, „bevor es zu spät ist“. Zur selben Zeit ist Joseph Ganda, Erzbischof von Freetown, sowie zwölf Ordensleute als Faustpfand in den Händen der RUF-Rebellen (Vereinte Revolutionäre Front), die seit Mitte November das Land erneut in Anarchie und Chaos stürzen. Den Hintergrund zur „Hölle in Sierra Leone“ bilden nicht ethnische oder religiöse Konflikte, sondern Diamanten, Gold und Bauxit sind es, die dem Land seit acht Jahren einen Bürgerkrieg bescheren und mehr als ein Drittel der 4,5 Millionen Einwohner zu Flüchtlingen machen.Vor einem Jahr gelang es der westafrikanischen Eingreiftruppe Ecomog noch relativ leicht, die Aufständischen in den Busch zu vertreiben. Doch diese haben die Regenzeit genutzt, um sich mit Hilfe ukrainischer Söldner – und ihrer Waffen – neu zu formieren. Für die als „Befreier“ gefeierte Ecomog hingegen schien die Mission erfüllt; der gewählte Präsident Kabbah kehrte am 10. März 1998 in die Hauptstadt zurück. Und statt sich der Friedenssicherung zu widmen, konzentrierten sich die ausländischen Militärs lieber auf das Diamantenschürfen.Nigeria, es führt die Ecomog an und stellt deren größtes Kontingent, läßt im Engagement als friedensstiftende Regionalmacht nach. Denn nach dem Tod des geächteten Militärdiktators Abacha und den bevorstehenden demokratischen Wahlen im Februar hat der Druck nachgelassen, das international angeschlagene Image aufzupolieren. Und Europa? „Nachdem alle Nichtregierungsorganisationen das Land verlassen hätten, gäbe es keine verläßlichen Informationen“, heißt es lapidar in Brüssel.