„Stricke des Todes haben mich umfangen, und Ängste der Hölle hatten mich getroffen.“ Mit diesen drastischen Bildern blickt der Beter des Psalms 116 zurück auf seine Notsituation, wobei vor allem die Größe und Hoffnungslosigkeit der Bedrängnis deutlich zum Ausdruck kommt. Rettung, die nach menschlichem Ermessen unmöglich scheint, kam dennoch von Gott. Von solchen Erfahrungen, daß Gott hilft, auch wenn die Situation aussichtslos erscheint, erzählen zahlreiche biblische Texte. Immer wieder vermag es Gott, sichere und lebensermöglichende Bedingungen für die Menschen zu schaffen oder wiederherzustellen. Dabei ist das rettende und helfende Eingreifen Gottes, das mit dem hebräischen Wort racham ausgedrückt wird, genauso vielfältig wie die Notsituationen. In der Rede von Gottes Barmherzigkeit wird die erlebte Hilfe und Zuwendung zusammengefaßt. Diese wiederholt erfahrene Hilfe wird zu einer Grunderfahrung der Menschen und findet deshalb ihren Ausdruck ebenso in der Beschreibung Gottes. Ein wesentlicher Aspekt seines Wesens sind Erbarmen und Barmherzigkeit. So kommt auch Psalm 116 zu dem Schluß: „unser Gott ist barmherzig“. Im Wort racham klingt auch das eng verwandte rächäm mit. Rächäm bezeichnet den Mutterschoß und darin lokalisiert die biblische Vorstellung das Gefühl des Erbarmens. Der Mutterleib gilt als Sitz der Barmherzigkeit. Die Bindung jedes Menschen an die Mutter wird in der Folge auf die Gottesvorstellung übertragen. So erscheint das Erbarmen Gottes wie die Geborgenheit bei der Mutter und ebenso wie ihre Zuneigung. Ja dieses Kindschaftsverhältnis wird im Blick auf Gott sogar noch gesteigert: „Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, daß sie sich nicht erbarme über ihren Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde, ich vergesse dich nicht.“ (Jes 49,15) Die Erinnerung an das Erbarmen Gottes und die Aussagen über den Gott der Barmherzigkeit, der die Menschen immer wieder ins Leben zurückführt, bilden die Grundlage des Vertrauens in Gott. Es ist diese Erinnerung, die auch in totaler Finsternis und Gottverlassenheit die Zuversicht und Hoffnung in Gott nicht versiegen läßt.Susanne Gillmayr-Bucher