Gemeinsamer Ostertermin: Bemühungen bleiben bisher ergebnislos
Ausgabe: 1999/13, Ostertermin
30.03.1999
- Walter Achleitner
Das neue Jahrtausend beginnen die Christen mit einem seltenen Zufall: 2001 werden alle christlichen Kirchen am 15. April das Osterfest feiern. Ein Anlaß, sich in Zukunft auf eine gemeinsame Festlegung des Ostertermines zu einigen. Heute ist es für Familie Dalati kein Problem mehr, an welchem Sonntag sie im syrischen Hims das Osterfest feiert. Die fünfköpfige Familie hat sich darauf geeinigt, das Fest der Auferstehung Jesu nach dem Gregorianischen Kalender zu feiern, wie er in der syrisch-katholischen Kirche ver-wendet wird, der Vater Salim angehört. Mutter Semira, eine griechisch-orthodoxe Christin, hatte bisher nach dem Julianischen Kalender gefeiert. Die unangenehmen Probleme, die mit dem getrennten Osterfest verbunden sind, erleben die Dalatis dennoch. Denn im Orient ist es üblich, vom Ostersonntag bis zum Osterdienstag die Verwandten, Freunde und Nachbarn zu besuchen. Aufgetischt werden – wie es sich gehört – Eier, Kuchen und Süßigkeiten.
Moslems: verwundert So besucht Familie Dalati auch die Eltern des katholischen Vaters, aber nicht die Eltern der orthodoxen Mutter; diese halten noch ein besonders strenges Fasten. Wie in diesem Jahr, können die Enkel erst eine Woche später zu den Großeltern kommen, um mit ihnen die Auferstehung zu feiern; in manchen Jahren sind es auch fünf Wochen. Und bei den Nachbarn muß man genau wissen, bei welcher Tür zu welchem Osterfest geklopft werden darf. Verwunderung löst dieses Durcheinander bei den muslimischen Nachbarn der Dalatis in Hims aus. Vielfach haben sie den Brauch übernommen, den christlichen Nachbarn und Freunden frohe Ostern zu wünschen. Sie wundern sich nur, zwischen katholischem und orthodoxem Termin unterscheiden zu müssen, obwohl es doch um ein und das selbe Fest geht. Wie Familie Dalati setzen besonders die Christen im Nahen Osten ihre Hoffnung auf eine Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), nach 2001 Ostern gemeinsam zu feiern. Denn in diesem Jahr ist der Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsbeginn – so die Osterregel aus dem Jahr 325 – sowohl nach dem Gregorianischen (Westen) als auch Julianischen Kalender (Osten) auf den 15. April. Von da an, so der ÖRK, sollten sich die Kirchen auf gemeinsame Osterfeste einigen.„Das ist eine Frage für die Wissenschaft und nicht der Theologie“, meint Gregorios Larentzakis, Professor für orthodoxe Theologie an der Universität Graz. Erst Mitte März hatte er an einer ökumenischen Tagung in Bukarest teilgenommen, bei der auch die Osterberechnung erörtert wurde. Einigen konnte man sich bisher darauf, daß als Grundlage der planetarischen Berechnungen der Längen- und Breitengrad von Jerusalem verwendet wird. Offen sei, welcher Kalender verwendet werde, ganz richtig sei keiner der beiden, so Larentzakis. „Ich bin für die Vereinheitlichung, aber nicht um den Preis einer neuen Kirchenspaltung.“
Kirchenspaltung Gregorios Larentzakis spricht eine Erfahrung seiner Kirche an: die „Altkalendarier“. Als 1923 die griechisch-orthodoxe Kirche das Weihnachtsfest am westlichen Kalender ausgerichtet hat, hielt diese Gruppe am alten Kalender fest. Sie bezeichnen sich seither als die wahren Orthodoxen. „Kalenderreformen haben schon immer die Kirchen gespalten“, meint Prof. Hans Hollerweger, Experte für Christen im Nahen Osten. „Auch in der römisch-katholischen Kirche könnte das für manche ein willkommener Anlaß sein, sich zu trennen.“ Dabei beschäftigt der Osterfeststreit die Christen seit dem zweiten Jahrhundert. Und bereits damals wurde mit der Exkommunikation gedroht. Familie Dalati in Hims ist nur ein Beispiel, daß Christen aus dem Konflikt um das Fest der Auferstehung ausbrechen. Und Hollerweger hofft, „daß die Christen im Nahen Osten mit ihren Erfahrungen zu Lehrmeistern für die Kirchen werden“.