Als Thomas von der Auferstehung Jesu erfährt, kann er nicht glauben, daß der Mensch, auf den er all seine Hoffnungen gesetzt und an dem er sein ganzes Leben ausgerichtet hat, nach seinem Tod den anderen erschienen ist. Bevor auch er den Auferstandenen erkennen und sich zu ihm als „mein Herr und mein Gott“ bekennen kann, muß er eine Art „Glaubenskrise“ durchstehen. Solche Krisen sind uns vielleicht aus unserem Leben vertraut. Manchmal fällt es leicht, an mich, an andere Menschen, an Gott oder an die Kirche zu glauben, dann gibt es Zeiten, in denen mein Glaube wankt.Leider hat in der vergangenen Zeit auch unsere Kirche in manchem an Glaubwürdigkeit stark eingebüßt. Durch verschiedene nicht nachvollziehbare Äußerungen und Handlungen wurden viele so enttäuscht und verletzt, daß sie sich trotz einer langen und vielleicht auch intensiven Bindung von der Kirche verabschieden. Bei der Betrachtung des heutigen Evangeliums wird deutlich, daß dem Glaubensbekenntnis des Thomas manches vorausgegangen sein muß, was es ihm leichter gemacht hat, seinen Glauben zu bekennen: die Erfahrung der Gemeinschaft, das Sichtbarmachen von Verwundungen und das Angebot von Berührung.Und Thomas war dabei Nach dem Tod Jesu trifft sich Thomas weiterhin mit den anderen und bemüht sich um die Gemeinschaft mit ihnen. Auch heute kommen Menschen im Geiste Jesu zusammen und erfahren dabei Gemeinschaft und Kirche. So ist für mich die Gemeinschaft mit anderen bei einem Gottesdienst, in einer Bibelrunde oder bei verschiedensten Begegnungen mit Frauengruppen schon oft ein Ort gewesen, an dem ich Kirche sehr intensiv erfahren durfte.Was bei der Erscheinung des Auferstandenen auffällt ist, daß die Verwundungen Jesu und die Enttäuschung des Thomas erwähnt werden. Dies zeigt, daß sich Auferstehung erst nach Schmerz und Tod ereignet und daß der Freude über die Auferstehung Hoffnungslosigkeit und Trauer vorausgehen. Ein guter Umgang mit Verletzungen ist heilsam und öffnet manches Tor zu Auferstehungserfahrungen. So wünsche ich mir dieses Sichtbarmachen, Ansprechen und Ernstnehmen von Verwundungen auch in unserer Kirche. Jesus streckt Thomas seine Hände entgegen und bietet ihm an, ihn zu berühren. Beziehung und Berührung ist, was wir so notwendig brauchen, um glauben und vertrauen zu können. Wir alle wissen, wie wohl es tut, wenn uns jemand liebevoll umarmt, tröstend die Hand hält oder ermutigend auf die Schulter klopft. Hier sind meine Hände Auch Thomas streckt Jesus die Hand entgegen und drückt dadurch die Sehnsucht nach Nähe aus. Wenn wir uns um Beziehung bemühen und unsere Hände nach Gott ausstrecken, wird er uns als ganze Menschen anrühren. Gemeinschaft pflegen, Verwundungen sichtbar machen und Berührung suchen – damit können wir Zweifel und Glaubenskrisen überwinden und die Erfahrung machen, daß sich Auferstehung mitten in unserem Leben ereignet.