Morales: Eingeborene benötigen dringend internationale Unterstützung
Ausgabe: 1999/14, Morales, Ureinwohner
08.04.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
José Carlos Morales setzt sich seit Jahren für die Rechte der eingeborenen Völker ein. Von 1981 bis 1985 war er Präsident des „Weltrates der indigenen Völker“. Heute vertritt er die Anliegen der Ureinwohner vor den Vereinten Nationen. Die Kirchenzeitung sprach mit ihm über den weltweiten Überlebenskampf der 300 Millionen Indigenes.
Vor der UNO vertreten Sie die Interessen indigener Völker auf der ganzen Erde. Gibt es da überhaupt gemeinsame Anliegen?
Morales: Alle indigenen Völker haben ein gemeinsames Problem, und das betrifft den Verlust ihres Landes. Internationale Konzerne, Regierungen, Militärs oder auch Großgrundbesitzer nehmen den eingeborenen Völkern das Land weg, um es auf die unterschiedlichste Weise auszubeuten. Die einen interessieren sich für die großen Wasserreserven und bauen riesige Dämme. Andere haben enormes Interesse an den reichen Bodenschätzen wie Kupfer, Gold, Öl, Uranium. Auch das Holz der Regenwälder ist ein begehrter Rohstoff. Die nationalen Regierungen schützen uns viel zu wenig vor diesen Eingriffen.
Haben indigene Völker Möglichkeiten, ihre Ansprüche gegenüber Regierungen oder weltweiten Wirtschaftsinteressen geltend zu machen?
Morales: Wir kämpfen seit 25 Jahren für die Rechte der indigenen Völker, und ein paar Dinge haben wir erreicht. In Kolumbien, Brasilien und Mexiko zum Beispiel wurden die Rechte der inidgenen Völker in die Verfassung aufgenommen. Es gibt auch da und dort einen speziellen Rechtsschutz für Eingeborene. Aber leider sind diese Gesetze oft das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Die Regierungen halten sich einfach nicht daran.
Welche Rechte sind in diesen Gesetzen, falls es sie gibt, festgeschrieben?
Morales: Den Menschen wird zum Beispiel ein kollektives Recht auf Land zugesprochen und ein Recht auf eigenständige kulturelle Entwicklung. Besonders wichtig ist für uns, daß auch die traditionellen Formen des Landbesitzes geschützt werden. Denn die unterschiedlichen Auffassungen über das Land sind eigentlich der Kern vieler Rechtsverletzungen.
Wie drücken sich diese unterschiedlichen Auffassungen aus?
Morales: Für uns Indios sind Grund und Boden kein wirtschaftliches Gut. Wir können uns nicht vorstellen weder Land zu kaufen noch zu verkaufen, und schon gar nicht, Land zu besitzen. Die Erde schenkt uns das Leben, gibt uns Nahrung, ist unsere Heimat. Die Erde ist unser Garant für das Überleben der nächsten Generation. Diese traditionelle Sichtweise führt aber dazu, daß unser Land als herrenlos angesehen und von anderen einfach in Besitz genommen wird.
Langes Warten auf eine UN-Erklärung
Welche Bemühungen gibt es, weltweit die Rechte indigener Völker festzuschreiben?
Morales: Auf internationaler Ebene gibt es seit 1989 eine Übereinkunft über indigene Völker, die von der Internationalen Organisation für Arbeit (ILO) festgeschrieben wurde. Darin wird erstmals das Recht auf Selbstbestimmung und Selbstverwaltung bekräftigt. Bereits im Jahr 1982 hat eine Arbeitsgruppe der UNO einen Entwurf für die „Erklärung der Rechte indigener Völker“ erstellt, der nun der Kommission für Menschenrechte vorgelegt worden ist. Aber diese hat die Vorlage verworfen und will nun ein neues Konzept erarbeiten. Vom ursprünglichen Resolutionsentwurf sollen gar nur zwei Artikel aufgenommen werden. Ich fürchte, wir werden noch lange auf diese Erklärung warten müssen.
Welches sind die nächsten Ziele für Ihre Arbeit in der UNO?
Morales: Was wir auf jeden Fall erreichen wollen, ist die Einrichtung eines ständigen Forums für indigene Völker in den Vereinten Nationen. Bisher bestehen nur Arbeitsgruppen, die allerdings keine durchgängige Arbeit leisten und jederzeit eingestellt werden können. Wenn es aber einen ständigen Sitz in der UNO gibt, dann muß man uns zuhören.
Österreich: AktiverePolitik für Indios
Von welcher Seite können Sie sich Unterstützung für ihre Anliegen erwarten?
Morales: Wir brauchen dringend die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft, um die Probleme zu lösen. Wenn Staaten wie Österreich den Schutz der Rechte indigener Völker einmahnen, nehmen das die Regierungen in Lateinamerika oder Asien sofort wahr. Das internationale Ansehen ist diesen Staaten sehr wichtig, schon wegen der finanziellen Hilfe, die sie benötigen. Es ist für uns zum Beispiel eine Hilfe, wenn finanzielle Unterstützungen der Europäischen Union an bestimmte Konditionen geknüpft sind. Die EU könnte damit Projekte verhindern, die die Rechte und die Lebensgrundlagen indigener Völker gefährden.
Kann auch der einzelne helfen?
Morales: Ja. Es werden immer wieder Postkartenaktionen gestartet, um bei bestimmten Regierungen den Schutz der Minderheitenrechte einzufordern. Diese Aktionen zeigen, daß die inidigenen Völker nicht alleine sind, sondern mit solidarischer Unterstützung rechnen können. Ich spüre in Europa eine wachsende Sensibilität für unsere Anliegen. Das freut mich, denn alleine können wir unsere Probleme nicht lösen.