Anhand des Bildes vom Hirten und den Schafen versucht Jesus, die Beziehung zwischen Gott und den Menschen aufzuzeigen und bringt uns u. a. folgende Botschaft: Gott ruft jede/n einzelne/n von uns beim Namen und führt uns auf unserem Weg. Wenn wir seine Stimme erkennen, auf sie hören und uns von ihm rufen lassen, werden wir „Weide finden“ und Leben in Fülle haben. Die Zusage, daß Gott uns beim Namen ruft, lädt uns ein, immer wieder neu danach zu fragen, was Gott von uns erwartet, was er uns zutraut und zuspricht. Im Bewußtsein, daß Gott auch mich ruft, kann ich einiges entdecken: Aufgaben, die ich angehen, Möglichkeiten, die ich nutzen, und Fähigkeiten, die ich einsetzen kann. Wenn uns bewußt ist, worauf es in unserem Leben ankommt, können wir unserem Leben nicht nur eine Richtung geben, sondern auch ganz bewußt Schwerpunkte setzen. So kann es dann, wenn wir erfahren, daß unsere Möglichkeiten begrenzt sind, hilfreich sein, innezuhalten und auszuwählen, wofür wir uns wirklich einsetzen möchten.
Beim Namen gerufen Da sich unsere Lebensumstände ändern und wir uns weiterentwickeln, ist es notwendig, daß wir uns regelmäßig fragen, ob unsere Richtung noch stimmt oder ob wir uns neuen Aufgaben stellen müssen. Gerade im Le-bensalltag von Frauen spüre ich oft, daß sie sich von alten Aufgaben, die sie als die ihren betrachtet haben, verabschieden und eine neue Herausforderung für sich entdecken, so z. B. wenn sie sich bewußt für eine Familie entscheiden, wenn sie nach vielen Jahren wieder in den Beruf einsteigen, wenn sie eine langjährige ehrenamtliche Tätigkeit niederlegen oder auch wenn sie veränderte Erwartungen an eine Beziehung stellen. Bei diesem bewußten Hören auf den Ruf Gottes stolpern wir über manche Hindernisse. Wir alle kennen Situationen, in denen wir nicht „hören“, wie wir uns verhalten sollen, oder Momente, in denen wir etwas „überhören“ und aus verschiedenen Gründen andere Wege, Umwege oder Abkürzungen gehen. Doch selbst wenn wir den uns bestimmten Weg kennen und gehen, kann es sein, daß sich Schwierigkeiten durch andere auftun. Gerade dann, wenn wir in unserem Leben wesentliche Richtungsänderungen vornehmen, müssen wir erfahren, daß wir in unserem Umfeld auf Unverständnis, Kritik oder gar Ablehnung stoßen. Gründe dafür gibt es viele, aber oft liegt es auch daran, daß die Werte, die wir vertreten, und die Wege, die wir einschlagen, nicht dem Trend der Zeit entsprechen.
Leben in Fülle haben Aus all diesen Gründen überrascht es nicht, daß die Forderung Jesu, sich von Gott rufen zu lassen, eine große Herausforderung oder gar eine Überforderung für uns darstellt. Trotzdem gilt die Einladung Jesu für uns, auf die Stimme Gottes zu hören und ihr zu folgen. In unseren Bemühungen unterstützen kann uns ein tiefes Vertrauen, das wir dem, der uns ruft, entgegenbringen - ist er doch derjenige, der jede/n von uns kennt, der es gut mit uns meint und der uns ein Leben in Fülle verheißt.
Angelika Platzer-Trunk ist Frauenreferentin und Leiterin des Bereiches Zielgruppenpastoral in der Diözese Feldkirch.