Die Brennessel – eine Pflanze, die bei vielen Respekt auslöst. Wer einmal mit den „Brennhaaren“ des bei uns heimischen Gewächses Bekanntschaft gemacht hat, läßt Vorsicht walten. „Wer sich an der Brennessel reibt, sticht sich daran“, heißt ein Sprichwort. Vor Jahren noch, als Computer unerfunden oder zumindest unerschwinglich waren und es Grünflächen in Reichweite fast jeder Familie gab, erschreckten Kinder einander mit langen Brennesselruten, andere absolvierten eine Mutprobe und liefen in kurzen Hosen durch Brennesselbüsche hindurch. Danach bissen sie die Zähne zusammen, verhielten sich die Tränen und rühmten sich der roten Flecken ihrer Waden. Die Brennessel ist eine Pflanze, die schafft, was auch manche Menschen schaffen: sie verbergen ihre großartigen Eigenschaften hinter einem abweisenden Äußeren. Gleichmäßig aufgebaut, wie schlanke Pyramiden, bewegen sie sich – oft bis zu einem Meter hoch – im Wind, und der ganze Staub eines Sommers lagert sich auf den Blättern ab. Durch ihre mit Nesselgift gefüllten Brennhaare schützt sich vor aufdringlicher Berührung, vor Unachtsamkeit oder Gewalt. In den Blättern der in ganz Europa verbreiteten Pflanze verbergen sich aber allerhand Heilkraft und Wohlgeschmack. So bereiten Matrosen in Frankreich etwa aus Brennesselblättern einen Aufguß, den sie gegen zu hohen Blutzuckerspiegel trinken. Auch andere Heilkräfte werden dem nesselnden Gewächs nachgesagt: stärkend sei sie, blutreinigend, harntreibend. Und die Naturküche schätzt Brennesseln wegen ihres frischen Geschmacks für Salate und Strudelgerichte. Wer Brennesselblätter abkocht, kann sie weiterverarbeiten wie Spinat, ohne Nesselgefahr. Von außen ist der Brennessel ihr guter Kern nicht anzusehen. Und damit ist sie die pflanzliche Lehrmeisterin für den Umgang mit jenen Menschen, deren Äußeres mehr Abneigung als Zutrauen hervorruft. Wobei schon die Überbewertung äußerer Schönheit oder Häßlichkeit fragwürdig ist. Wer definiert eigentlich, was schön ist? Fast jeder kennt Menschen, die ihm wie Brennesseln vorkommen: abweisend, bedrohlich, gefährlich, ein wenig giftig vielleicht. Der christliche Glaube empfiehlt, nicht nach dem Äußeren zu urteilen, sondern den Blick nach innen zu richten. Mancher Verdacht ist unbegründet, viele Giftpfeile lassen sich aus dem Weg räumen. Angst voreinander ist keine Lösung. Lieber allen Mut zusammennehmen – wie Kinder bei der Brennessel-Mutprobe.