Allabendlich steht der Innsbrucker Domplatz im Zeichen des Friedens
Ausgabe: 1999/17, Friedensgebet, Innsbruck
27.04.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Walter Hölbling
Behutsam stellt der Jesuit Hannes König eine Fackel auf den Vorplatz des Innsbrucker Domes.
Um 18.30 Uhr schlägt die Turmuhr: Das Schweigen beginnt.Auf dem Platz vor dem Dom zu St. Jakob sammeln sich in den nächsten Minuten Menschen, um gemeinsam für ein Ende der Gewalt im Kosovo zu beten. Einige haben sich bereits in die Nähe der Fackel gestellt.
Eine junge Lehrerin gesellt sich dazu. Eigentlich habe sie keine Zeit, aber es drängt sie, herzukommen. „Ich kann ja sonst nichts machen gegen diesen Krieg.“ Sie habe auch serbische Kinder in ihrer Klasse, die sich nicht mehr mit ihrem Volk identifizieren könnten. Im Unterricht sprechen die Schüler immer wieder über den Krieg, weil sie die Nachrichten über die Gewalt nicht mehr loslassen. „Der Krieg ist nicht irgendwo, er ist vor unserer Haustür“, sagt die Lehrerin. Gotlind Hammerer, die Vorsitzende von „Pax Christi Tirol“, verteilt Flugblätter. Jeden Tag steht sie hier am Domplatz, um eine Stunde schweigend zu beten. Seit Karsamstag steht der Platz im Zeichen der Hoffnung. Auf Einladung von Pax Christi Tirol finden sich von 18.30 bis 19.30 Uhr Menschen zur Mahnwache ein. Manchmal sind es vier, manchmal zwanzig. Viele sagen, daß ihnen diese Stunde wichtig ist, als Zeichen ihrer Ohnmacht, ihres Mitgefühls.
Ausdruck der Ohnmacht
„Auf diese ohnmächtige Weise wollen wir dem Gefühl Ausruck verleihen, daß wir irgend etwas gegen diesen furchtbaren Krieg tun wollen“, sagt Hammerer. Sie bete den Rosenkranz, wandle dabei die Worte ab: „Der du mit ihnen das schwere Kreuz trägst . . .“.Menschen, die vorbeikommen, bleiben stehen, stellen sich für ein paar Minuten zu den Schweigenden, ehe sie weitergehen. Andere machen einen Bogen um die Gruppe – den Informationsblättern entkommen sie nicht.
Drei Kinder sind unbefangen und laufen mitten durch den Kreis. „Ich könnte heulen, wenn ich an die jungen Väter im Kosovo und in Serbien denke“, sagt Gotlind Hammerer.
Jeden Dienstag wird das Schweigen gebrochen, wenn sich katholische, evangelische und serbisch-orthodoxe Christen am Domplatz zum ökumenischen Abendgebet versammeln. Pfarrer Petar Pantic von der serbisch-orthodoxen Gemeinde weiß, wie sehr sich alle Menschen den Frieden wünschen: „Wenn Menschen leiden, ist es egal, welche Nationalität oder Religion sie haben. Gott hat uns nicht geschaffen, um zu leiden.“ Und nach dem Gebet sind alle zum Gespräch in den Pfarrsaal eingeladen.
Es weht bereits ein kühler Wind, als die Turmuhr das Ende der Schweigestunde verkündet. Zum Glockenschlag holt P. Hannes König die Menschen in die Mitte. 15 Menschen beten gemeinsam das „Vaterunser“. Bevor sie auseinandergehen geben sich alle die Hand. Der Gruß zum Abschied gilt auch jenen, denen das Schweigen und Beten gilt: „Der Friede sei mit Dir.“