„Aus christlicher Sicht ist dieser Krieg nicht zu rechtfertigen. Die Gewalt auf beiden Seiten hat die Chance auf Frieden für viele Jahre zerstört“, sagt Karl Kumpfmüller.
Mit Bomben wollte die NATO Präsident Milosevic zwingen, die Menschen- und Lebensrechte der Kosovo-Albaner anzuerkennen. Erreicht wurde das Gegenteil. Warum?
Kumpfmüller. Ich bin überzeugt, daß der ganze Krieg eine furchtbare Fehlentscheidung von seiten des Westens war. Man hat zwar in einer guten Absicht gehandelt, man hat aber auf die falschen Mitteln gesetzt und die Folgen in stümperhafter Weise nicht bedacht. Namhafte Balkanexperten und Friedensforscher haben davor gewarnt, daß Milosevic nicht mit ein paar Bomben zum Einlenken gebracht werden könnte. Für die Serben ist der Kosovo „heiliger Boden“. Dort ist 1389 König Lazar im Kampf gegen die Osmanen für die „Unabhängigkeit Serbiens und die Rettung des Christentums“ gefallen. Dieser durch 600 Jahre hochstilisierte Mythos ist eine Realität der serbischen Seele. Die Serben würden lieber sterben als den Kosovo aufgeben. Deshalb sehen auch die meisten regimekritischen Serben die Bomben nicht als Versuch, die Menschenrechte im Kosovo durchzusetzen, sondern als Anschlag auf den Bestand Serbiens. Unter dem Schutzschild dieser Stimmung betreiben Milosevic und seine Schergen nun ihren schrecklichen Vertreibungskrieg.
Mit Druck verhandeln
Aber was ist die Alternative, wenn Menschenrechte und Menschenleben mit Füßen getreten werden?
Kumpfmüller. Es gibt keinen Zweifel darüber, daß im Kosovo in den letzten zehn Jahren die Menschenrechte aufs schwerste verletzt wurden. Und zu Recht gibt es dagegen einen Aufschrei in der demokratischen Welt. Um die Menschenrechte für die Albaner im Kosovo durchzusetzen, hätte es andere Möglichkeiten gegeben. Sie wurden leider nicht voll ausgeschöpft, trotz gegenteiliger Beteuerungen: Man hätte alles versuchen müssen, dieses Thema schon bei den Friedensverhandlungen in Dayton (Bosnien-Krieg) oder unmittelbar danach auf die Tagesordnung zu setzen – als Teil einer umfassenden Friedensregelung für Exjugoslawien. Gleichzeitig hätte damit eine massive Wirtschaftshilfe für alle Nachfolgestaaten – auch für Serbien – vereinbart werden müssen, sofern diese Staaten Minderheitenschutz, Menschenrechte und politische Freiheiten verwirklichen. Eine Politik, wie sie die EU derzeit gegenüber der Türkei anwendet.Wenn Milosevic trotz all dieser Bemühungen mit seiner Unterdrückungspolitik fortgefahren wäre, hätte man endlich rigorose Boykottmaßnahmen durchsetzen müssen – auch mit massiven wirtschaftlichen Sanktionen für jene Länder, die diese Maßnahmen unterlaufen. Ein derartiger Boykott hätte dann freilich auch die westliche Wirtschaft getroffen, und diese sorgt seit Jahren dafür, daß Boykottbrechern wie Griechenland oder Bulgarien nichts geschieht – eine Doppelzüngigkeit, die Milosevic ausnützt.
Beobachter sagen, daß das alles nichts genützt hätte. Was dann?
Kumpfmüller. Wenn all diese Bemühungen nichts gefruchtet hätten, was ich nicht glaube, dann hätte der Westen gegenüber Serbien jene Strategie anwenden müssen, die man auch gegenüber dem kommunistischen Osteuropa versucht hat: Keinen Krieg riskieren, aber alle Kräfte unterstützen, die an einer Systemänderung interessiert sind – nicht nur die demokratische Opposition, die freien Medien und die Studentenbewegung, sondern vor allem auch die Begegnungszentren des friedlichen Dialogs. Da hat es in den letzten fünf Jahren von Pax Christ International, vor allem aus den Niederlanden und Flandern, großartige Initiativen gegeben. Nach Modellen aus Nordirland wurden dabei vor allem die albanischen und serbischen Jugendlichen im Kosovo ins Gespräch gebracht. Werden diese Instrumentarien der alternativen Konfliktlösung von der Politik überhaupt zur Kenntnis genommen?
Kumpfmüller. Sie werden schon wahrgenommen, aber sie werden als idealistische Nische betrachtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben zwar alle gesagt: Nie wieder Krieg, aber innerlich sind viele Politiker aus der Militärlogik nie ausgestiegen. Trotz des Endes des Kalten Krieges gibt es weiter riesige, sündteure Militärapparate, die eine ständige Versuchung darstellen, die Rute der Gewalt ins Fenster zu stellen – bis man schließlich in einen Krieg hineinschlittert.
NATO als Weltpolizist
Dazu besteht heute die Gefahr, daß sich die NATO nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes eine neue Aufgabe als „Weltpolizist“ zulegt. Man rechtfertigt das damit, daß man als Allianz demokratischer Staaten selber entscheiden kann, wo die Menschenrechte so mißachtet werden, daß man – notfalls auch militärisch – eingreifen muß – ohne Beschluß der UNO. Es stimmt, daß die UNO durch ihre Struktur als Krisenfeuerwehr zum Teil handlungsunfähig ist. Die Alternative aber kann nur heißen: UNO-Reform und nicht eine eigenmächtig handelnde NATO, die ihrem Wesen nach keine Staaten-, sondern eine Militärgemeinschaft ist.
Wie sehen Sie heute die Chancen auf Frieden?
Kumpfmüller. Wenn Johannes XXIII. gesagt hat, angesichts der modernen Angriffs- und Vernichtungswaffen darf Krieg unter keinen Umständen mehr als Mittel der Politik gesehen werden, dann zeigt uns dieser neue Krieg in Europa nur zu deutlich, wie recht er hat: Hunderttausende Kosovaner vertrieben, die serbische Bevölkerung schwer getroffen – und die Aussicht auf ein friedliches Zusammenleben im Kosovo in absehbarer Zeit gleich Null.