Mutterliebe, Väterlichkeit, Mutter/Vaterherz – zu all den altbekannten schönen Worten fügt der Pastoraltheologe Dr. Paul M. Zulehner die provokanten Wortschöpfungen „Übermütterung und Unterväterung“ hinzu.
Was es damit auf sich hat, erklärte er vor kurzem bei einer Bildungswerk-Veranstaltung in Linz zum Thema „Er stellte ein Kind in ihre Mitte“. Dafür müsse man „die Familie vom Kind her neu entwerfen“. Jeder Mensch, insbesondere das Kind, benötigt einen gedeihlichen Lebensraum, geprägt von Stabilität und Liebe – als „Ob-Dach“ der Seele. Damit dies gelingt, braucht es die für Männer und Frauen jeweils passende neue Prioritätensetzung zwischen Familie und Erwerbsarbeit, und eine neue Präsenz der Väter im familialen Lebensfeld. In Wahrheit stören Kinder überall – in der Arbeitswelt, in der Freizeit ...– , deshalb kommen sie in einen sozialen Entsorgungssog, von Fernsehen bis zu Tamagotchi. Dr. Zulehner: „Es ist schwer geworden für Kinder, das öffentliche Leben ist kinderfeindlich – und vielfach fehlen die Väter.“
Rolle des Vaters
Familie ist der „soziale Mutterschoß“, wo der Mensch reift. Kinder brauchen zur Reifung und zur Ichstärkung den Vater als Dritten. Unterbleibt diese Dreiecksbindung, verharrt das Kind im Verwöhnungsarrangement mit seiner Mutter. Beide kommen voneinander nicht los, denn die Kehrseite des Vaterentfalls (Unterväterung) ist die Übermütterung. Antriebsschwache, lustlose oder aggressive Kinder sind die Folge. „Ein solcher Weg geht auf einen nicht finanzierbaren Therapie- und Polizeistaat zu“, entwarf Dr. Zulehner ein Horrorszenario. Wer gute Väter will, muß die Voraussetzungen schaffen. Familienzeit und fundamentale Überlebensleistung gehört sowohl finanziell besser abgesichert als auch ideell aufgewertet. Nicht von ungefähr sagen 84 Prozent der Männer, sie würden in Karenz gehen, tatsächlich sind aber nur ein Prozent Hausmänner. Zulehner fordert politisch jene Voraussetzungen, die es Mutter und Vater ermöglichen, dem Kind ausreichend Zeit, Zuwendung und Auseinandersetzung zu geben. Er hinterfragte: Haben wir eine Kultur des Lebens oder eine Kultur der toten Güter? Mehr Männer müßten bereit sein, die Probleme und die – jetzt schlecht bezahlten – sozialen Aufgaben mit den Frauen zu teilen. Männer fehlen weitgehend im Haushalt, vor allem fehlen sie aber den Kindern. Das sei letztlich auch schlecht für die Männer, denn – so ein Zitat – „ohne Kinder werden wir Barbaren“.