Viele Märchen erwecken den Eindruck, als seien Stiefmütter so ziemlich das Schlimmste, was es gibt. Daß Stiefmütterchen etwas Wunderbares sein können, beweist nicht zuletzt die Pflanze dieses Namens.
Eine Palette voller prächtiger intensiver Farben könnte man mit den Blüten der zu den Veilchengewächsen zählenden Stiefmütterchen-Pflanze füllen. Seinen seit dem 16. Jahrhundert gebräuchlichen Namen hat die Blume angeblich durch die Anordnung seiner Blätter erhalten. Das unterste Blatt trägt zwei kleine Blätter (die „Töchter“), dann folgen noch zwei weitere, etwas kleinere Blätter, die „Stieftöchter.“ Von April bis in den Oktober können die pflegeleichten Stiefmütterchen in Blüte stehen. Die Pflanze, die mancherorts als Symbol der Schüchternheit gilt, spielt in der Naturmedizin eine bedeutende Rolle, unumstritten ist die Heilkraft bei Hautleiden (Flechten, Ekzeme, Juckreiz . . .). Die Naturkosmetik kennt Stiefmütterchen-Lotions.
Es ist eigenartig: eine heilkräftige, wunderschöne Blume trägt die Bezeichnung einer Person, die in den deutschen Märchen die Rolle der bösen Frau spielt. Bis heute spricht man von „stiefmütterlicher Behandlung“, wenn jemand einen anderen Menschen vernachlässigt. Genaugenommen ist diese Bezeichnung eine Unterstellung für jene Frauen, die bereit sind, Kinder aus der ersten Ehe ihrer Männer zu akzeptieren. Stiefbeziehungen sind störungsanfällig. Immer lauert die Gefahr, daß eines Tages die verletzende Aussage kommt: „Du bist ja gar nicht mein echter Vater, meine echte Mutter, mein echtes Kind.“Liebe um des Menschseins willen, nicht wegen elterlicher Beziehungen, ist gefragt. Christen und ChristInnen glauben, daß Gott uns als seine Kinder liebt, obwohl Jesus sein einziger Sohn ist. Behandelt er deswegen alle anderen Menschen stiefmütterlich? Um unseres Menschseins willen nimmt Gott uns Menschen an. Um unseres Menschseins willen sollen wir Menschen einander annehmen. Und einander niemals stiefmütterlich behandeln.