Das Lebensbuch des 83jährigen Fritz Schöffmann ist ein Mutmacher
Ausgabe: 1999/18, Fritz Schöffmann
04.05.1999
- Hans Baumgartner
Sein Leben war kein Honiglecken, und er weiß, was Verzweiflung, Ohnmacht und Überlebenskampf sind – dennoch ist Fritz Schöffmann kein bitterer alter Mann.
„Mir ist es in meinem ganzen Leben noch nie so gut gegangen wie jetzt“, sagt der bald 83jährigeFritz Schöffmann. Die Lachfalten in seinem Gesicht unterstreichen es. „Und das Altenheim?“ frage ich den Bauern, der zeit seines Lebens in der freien Natur gearbeitet hat. „Fällt Ihnen da nicht manchmal die Decke auf den Kopf?“ „Nein“, sagt er. „Da hab ich alles, was ich brauche“ und zeigt auf sein kleines Zimmer und auf das Bett, in dem er einmal sterben möchte. Und mit den Menschen im Haus komme er gut aus. „Du mußt dich ja nicht unbedingt zu denen setzen, die gerne verdrießlich sind und jammern. Natürlich ist im Alter nicht alles goldig, und manchmal drückt der Rucksack, den einem das Leben umgeschnallt hat, schon gehörig. Aber ich denke mir, jeder Tag ist zu schade, um verbittert zu sein, dafür bekommen wir ihn nicht von Gott geschenkt.“
Alles wieder recht geworden
Fritz Schöffmann hat die harten Seiten des Lebens reichlich kennengelernt. „Als Bub hat uns die Mutter oft nur Weihwasser und kein Brot auf den Schulweg mitgeben können.“ Mit zehn Jahren mußte er bei Bauern Vieh hüten. Zehn Jahre war er als Soldat von zu Hause fort. An die Ostfront und in russische Kriegsgefangenschaft kam er, weil er für einen Kameraden eingesprungen ist, der gerade Vater geworden war. „Jeden Tag hat diese Familie für mich gebetet, und deshalb habe ich diese Hölle wohl auch überlebt“, ist er überzeugt. „Wie ich mit 31 Jahren heimgekommen bin, stand ich wie ein Schulbub da, mit nichts. Zur Hochzeit haben wir ein paar alte Suppenhennen gegessen“, erinnert er sich. Gemeinsam mit seiner Frau hat er eine kleine Landwirtschaft übernommen. Mit dem Radlbock und auf dem Buckel hat er die ersten Sachen auf den Markt gebracht. „Viele Jahre haben wir nur geschuftet. Als wir es uns dann endlich im Auszug (Pension) schöner machen wollten, wurde meine Frau bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. Nach zwei Beinamputationen litt sie unter unsäglichen Schmerzen. Fünf Jahre habe ich sie zu Hause gepflegt, dann war ich am Ende.“ Seine Frau wurde in die Pflegestation aufgenommen, und er zog zu ihr ins Altenheim. Nach ihrem Tod ist Fritz Schöffmann dortgeblieben, weil er Zeit für sich haben wollte.
„Ich hab soviel erlebt, und manchmal habe ich zum Herrgott geschrieen, ob es nicht endlich genug ist, ich habe aber auch erfahren, daß alles wieder recht geworden ist.“ Nach dem Tod seiner Frau hat Fritz Schöffmann zu schreiben begonnen. Für ihn begann damit ein neues Leben.
Im Alter ein neues Leben
„Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung.“ Diesen Satz aus einem neuen Osterlied hat Fritz Schöffmann wiederholt in seinem Leben erfahren, auch in seinen alten Tagen.Nach dem Tod seiner Frau war Fritz Schöffmann ganz am Boden. Die Jahre ihres langen Leidens rissen auch für ihn die Abgründe des Schmerzes und der Verzweiflung auf. „Doch dann habe ich mir gedacht, wenn Gott mich weiterleben läßt, dann will er auch, daß ich mit diesem Geschenk dankbar umgehe.“
Fritz Schöffmann hat gelernt, die Möglichkeiten seines „neuen Lebens“ zu sehen und zu nutzen. „Es ist wunderbar, wenn du entdeckst, daß du Zeit für dich hast, Zeit, um dich über die Schönheiten der Natur zu freuen, Zeit zum Nachdenken über dein Leben, über das, was gelungen ist, und das, was du falsch gemacht hast.“ Als er wegen eines Radunfalls an sein Zimmer gefesselt war, hat Fritz Schöffmann mit 76 Jahren sein erstes Gedicht geschrieben. Inzwischen sind es viele. Das Schreiben wurde zu einer Leidenschaft. Dabei entdeckte er sein Leben noch einmal neu, die – gar nicht immer so gute – alte Zeit ebenso wie die Kraftquellen seines Lebens, sein Aufwachsen in einer armen Familie, in der das Vertrauen auf Gott kein billiger Trost, sondern eine Überlebensfrage war. Durch das Schreiben lernt er bei Lesungen auch viele neue Menschen kennen. Ein Glück sagt er. „Mir geben Menschen sehr viel. Und wenn du offen auf sie zugehst, lernst du wunderbare Leute kennen – auch unter den Jungen.
Fritz Schöffmann: Wia i nu a Bua war. Mundartgedichte. Landesverlag Linz, 1995.