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Nicht zum alten Eisen werfen lassen

Ausgabe: 1999/18, Altenhilfe, Arnod SChett
04.05.1999
- Hans Baumgartner
„Alle wollen alt werden, aber niemand will alt sein“. Hinter diesem humorvollen Ausspruch des Schauspielers Gustav Knuth steckt ein ernstes Problem.

Altsein, das bedeutet Outsein, nicht mehr mitkönnen, Abgeschriebensein. Diesen Eindruck zumindest vermittelt eine Gesellschaft, in der sich – fast – alles um Leistung, Dynamik und „Jugend“ dreht. Im Berufsleben zählen Menschen über 50 häufig als „Auslaufmodelle“. Wer – auch bei hoher Qualifikation – gezwungen ist, in diesem Alter einen Job zu suchen, erfährt das oft nur zu deutlich. Die Arbeitslosenquote der über 50jährigen liegt mit 10,3 Prozent deutlich über dem Durchschnitt (7,2%).

Eine beschränkte Sicht

„Wir erleben, daß in unserer Gesellschaft Altwerden sehr beschränkt wahrgenommen wird“, sagt Arnold Schett von der Caritas Innsbruck. „Problematisch dabei ist, daß meist nur die negativen Seiten im öffentlichen Blickfeld stehen: Das sind auf der einen Seite jene, die für den Beruf oder als Zielgruppe der modernen Konsumgesellschaft schon mit 50 zum ,alten Eisen‘ gehören. Auf der anderen Seite sind mit ,den Alten‘ jene gemeint, die mit dem Tempo der Zeit nicht mehr mitkommen, die geistig und körperlich abbauen, die Pflege brauchen.“ Diese Sichtweise, so Schett, verdecke die Tatsache, daß mehr als zwei Drittel der älteren Menschen ihr Leben aus eigener Kraft gestalten kann, und sie verstärkt – auch bei den Betroffenen – das Gefühl, daß nach der Pensionierung das Leben gelaufen ist, daß man nicht mehr gebraucht wird, daß man „ausrangiert ist“. „Gott sei Dank gibt es viele Menschen, die mit ihrem Alter gut umgehen“, weiß Arnold Schett aus vielen Begegnungen. „Es ist aber auch eine Tatsache, daß durch die verkürzte Sicht des Altseins viele Chancen und Herausforderungen des dritten Lebensabschnittes zu wenig gesehen werden.“

Die Chancen nutzen

Zu den Chancen des Alters zählt Schett, daß man viel mehr Zeit für sich und für die Mitmenschen hat als während der Berufs- und Familienphase. Dazu kommt ein großer Rucksack an Wissen und Lebenserfahrungen, den man nicht ins Eck stellen sollte. Soweit es den Familienkreis betrifft, würden diese Ressourcen auch genützt, meint Schett. „Was aber die Einbindung der rüstigen Senioren in die ehrenamtliche Arbeit angeht, da liegt noch sehr viel Potential brach. Es fehlt oft auch an den entsprechenden Einladungen zum Mittun. Dabei wäre das ganz wichtig, um neue Kontaktnetze zu knüpfen und nicht in die Falle der Einsamkeit zu geraten.“ Schett hofft, daß sich die Senioren mehr und mehr selber organisieren und für ihresgleichen etwas auf die Beine stellen. „Gegenüber anderen Ländern ist da Österreich noch sehr weit hinten. Deshalb versuchen wir von der Caritas, solche Initiativen wie Vermittlungszentren, Tauschbörsen etc. zu fördern.“ Die Seniorenstuben, die es schon in vielen Tiroler Pfarren gibt, sind bereits zum größten Teil in den Händen von aktiven Alten.


Das Zitat

Die andere Sicht des Menschen
Der Wiener Soziologe Leopold Rosenmayr hat sich, je älter er wurde, immer mehr mit Fragen des Alters beschäftigt. In seiner Studie „Die Zukunft des Alters“ stellt er fest:
„Noch immer unterschätzen fast alle Alten, vor allem die älteren unter ihnen, ihre eigene Handlungs- und Bestimmungsfähigkeit. Allerdings: Je mehr Gruppen von Alten gesellschaftliche Präsenz und Wirksamkeit entfalten (als gemeinnütige Reparatur- und Bautrupps, als Theatergruppen, als Einheiten sozialer Hilfe und Selbsthilfe), umso stärker werden sie von den jüngeren Altersgruppen geachtet. Aktivität, die etwas über die eigenen Interessen hinaus leistet, wird durch Prestige und Anerkennung honoriert, selbst in unserer ego-zentrischen Gesellschaft.“

Gerade in einer Zeit, in der der Mensch vorwiegend nach seiner beruflicher Leistung gewogen wird, können aktive und solidarische Alte andere Gewichte des Menschseins verstärkt ins Spiel bringen.


Zur Sache

Unnötige Horrorbilde
In 30 Jahren wird jede/r dritte Österreicher/in über 60 Jahre alt sein. Auf 1000 Erwerbstätige werden 602 Pensionisten fallen, das sind doppelt so viele als heute (324).
Bricht die Solidarität unter den Generationen auseinander, wenn jeder Erwerbstätige mehr als einen Pensionisten erhalten muß und wenn die Zahl der Pflegebedürftigen ansteigt? „Man kann die Bevölkerungsstatistik auch als Horrorszenario lesen. Man kann sie aber auch als Herausforderung betrachten“, meint Arnold Schett. Für vernünftige Weichenstellungen sei der einzelne ebenso verantwortlich wie die Politik. Der/die Bürger/in müsse sich rechtzeitig damit befassen, wie er/sie im Alter leben will und was sein wird, wenn er/sie auf Pflege angewiesen ist. Private Vorsorge werde in Zukunft eine größere Rolle spielen, auch weil mehr Menschen als früher dazu die Mittel haben, meint Schett. Wenn das staatliche Sozialsystem Schritt für Schritt den Erfordernissen angepaßt wird, dann werde es auch in Zukunft möglich sein, „das zu finanzieren, was wir für ein menschenwürdiges Leben im Alter unbedingt brauchen“.
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