Vertauschte Rolle am Ende des Lebens:Die Mutter nennt die pflegende Tochter „Mama“
Ausgabe: 1999/18, Mama, Tochter, Ende, Pflege
04.05.1999
- Ernst Gansinger
Im Alter können die Rollen vertauscht sein. Davon erzählt Hilde Kunz* ein berührendes Beispiel aus dem Pflegealltag.
Ihre zeitaufwendige Zuwendung zur verwirrten Mutter hat dazu geführt, daß die Mutter zu ihr schon manchmal „Mama“ sagte. „Mama“ heißt: Auf dich ist Verlaß. Die Mama-Tochter sorgt dafür, daß die Mutter den Lebensabend zuhause verbringen kann. Und sie ist dabei darauf bedacht, alles so weiterzuführen, wie es Mutter gerne hatte und gewohnt ist. Da müssen auch Hut und der Mantel, längst unbenutzt, in der Garderobe hängen bleiben. „Sie ist meine Mutter, und jetzt braucht sie meine Hilfe“, ist für Frau Kunz selbstverständlich, daß sie sich ganz der Pflege widmet. Dabei kann sie auch in komisch anmutende Situationen kommen. Etwa wenn ihre verwirrte Mutter in der Früh meint, sie könne heute nicht zur Schule gehen. . . Die Tochter ist davon abgekommen, zu korrigieren. Das bringt keinen Erfolg, sondern führte früher zu Spannungen. Daher beruhigt sie ihre Mutter: „Du brauchst nicht in die Schule zu gehen. Ich schreibe dir eine Entschuldigung.“ Das klingt für Außenstehende heiter. Für die Tochter, die sich diesem Realitätsverlust tagtäglich stellen muß, ist das psychisch anstrengend. Erst im Laufe der Jahre lernte sie abzuschalten, wenn sie nicht bei der Mutter ist. „Wichtig sind Zeit und Geduld, das ist das Um und Auf in der Pflege“, faßt Hilde Kunz zusammen. Sie erzählt auch von den schönen Momenten. Etwa wenn die Mutter ein Märchen liest und dabei laut lachen kann. Oder wenn die Mutter Post bekommt, was sie „narrisch“ freut. Traurig stimmt die Tochter , daß sich Nachbarn und Verwandte nicht mehr anschauen lassen, seit die Mutter ein sogenannter „Pflegefall“ ist.