Der Papstbesuch in Rumänien: Viel Gemeinsamkeit kam zum Tragen
Ausgabe: 1999/19, Rumänien, Papstbesuch
11.05.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Papst Johannes Paul sprach von einem „historischen Moment“. Der orthodoxe Patriarch Teoctist von einem „positiven Zeichen“.
Erstmals seit der mehr als tausendjährigen Trennung der Ost- und Westkirchen besuchte ein römischer Papst vergangenes Wochenende ein mehrheitlich orthodoxes Land – Rumänien. Für den Papst, der seit Jahren auf eine Begegnung mit der orthodoxen Kirche vor Ort drängt, war es ein „historisches Ereignis“. Und Vatikansprecher Navarro meinte auch abschließend, mit diesem Besuch sei eine Tür nicht nur zum Moskauer Patriarchat, sondern auch zu anderen orthodoxen Kirchen geöffnet worden. Der rumänische Patriarch Teoctist I. bewertete den Besuch ebenfalls positiv, aber deutlich nüchterner. Der 84jährige Kirchenmann weiß um die Vorbehalte einflußreicher Kräfte in seiner Kirche, aber auch in anderen orthodoxen Patriarchaten gegenüber einer zu raschen Annäherung an die römische Kirche. Der wegen seiner Vergangenheit in der kommunistischen Ära ohnedies im eigenen Haus nicht unumstrittene Kirchenmann war mit seiner Vorsicht bemüht, keine neuen Angriffsflächen zu bieten.
Bilder der Gemeinsamkeit
Eine orthodoxe Liturgie mit dem Papst, eine katholische Messe, an der der orthodoxe Patriarch als Gast teilnahm, die gemeinsame Fahrt der beiden Kirchenmänner durch die Straßen von Bukarest, ein gemeinsamer Appell, in dem Johannes Paul und Teoctist einen sofortigen Waffenstillstand für den Balkan forderten, und der mehrfach beschworene Wunsch, daß die Kirchen zu einem neuen Miteinander finden – der Besuch des Papstes in Rumänien war eine Demonstration katholisch-orthodoxer Gemeinsamkeit von großer Bedeutung. „Das zweite christliche Jahrtausend begann mit einer schmerzhaften Verletzung der Einheit der Kirche (Ost-West-Kirchenspaltung im Jahr 1054). Sein Ende steht unter einem positiven Zeichen: Dem aufrichtigen Wunsch nach Einheit“, sagte Patriarch Teoctist beim Gebet in der orthodoxen Kathedrale. Und der Papst antwortete: „Ich hoffe, daß mein Besuch beiträgt, die Wunden in den Beziehungen zwischen unseren Kirchen zu heilen.“Der Höhepunkt der Visite war am Sonntag die festliche orthodoxe Liturgie auf der Piata Unirii in Bukarest. „Geben Sie der Kirche die sichtbare Einheit zurück“, appellierte Johannes Paul an Teoctist und die 35 Mitglieder des Heiligen Synod der rumänischen Kirche. Er selbst suche die Einheit mit all seinen Kräften und werde sich bis zu seinem Ende dafür einsetzen, daß die Ökumene zu den vorrangigen Zielen der Kirche gehöre. Der Patriarch betonte, daß auch er den Weg der Einheit gehen wolle, daß es aber noch viele nicht verheilte Wunden gebe. „Mögen die Beziehungen zwischen den Kirchen immer freier werden, frei von Angst und Verdacht“, antwortete der Papst. Kurz gemeldet
Jahrelanger Streitpunkt Für eine Rückgabe aller griechisch-katholischen (unierten) Kirchen hat sich der orthodoxe Metropolit von Timisoara, Nicolae Corneanu, ausgesprochen. Die 1948 von den Kommunisten an die Orthodoxie übereigneten 1800 Gotteshäuser bilden seit der Wende einen Streitpunkt zwischen Katholiken und Orthodoxen in Rumänien. Erst ein „Stillhalteabkommen“, das zwischen hochrangigen Delegierten beider Kirchen am 28. Jänner 1999 geschlossen wurde, ebnete den Weg für den Papstbesuch.
Frühling der Hoffnung Bereits bei seiner Ankunft erinnerte der Papst an die Opfer der kommunistischen Diktatur. Sowohl katholische als auch orthodoxe Christen wurden durch Inhaftierung und Folter zu „Märtyrern des totalitären Systems“. Die Entwicklung im Land charakterisierte der Papst mit den Worten: Nach dem Winter der kommunistischen Herrschaft habe ein „Frühling der Hoffnung“ begonnen. Ausdrücklich forderte der Papst politische und finanzielle Unterstützung der Europäischen Union für Rumänien. Das Land gehöre durch seine Geschichte und Kultur zur europäischen Gemeinschaft.
Gemeinsamer Friedensappell Erstmals haben ein orthodoxer Patriarch und der Papst in einem gemeinsamen Appell die Kriegsgegner auf dem Balkan aufgefordert, „die Waffen endgültig niederzulegen“. Teoctist I. und Johannes Paul II. unterstreichen darin ihre Solidarität mit jenen, „die aus ihrer Heimat vertrieben und von ihren Lieben getrennt wurden, und ebenso gegenüber den Opfern der tödlichen Bombardierungen“. Sie ermahnen die Konfliktparteien zu „prophetischen Gesten“, damit auf der geliebten Erde des Balkans ein neuer Lebensstil möglich werde.