Probleme der Ökumene zwischen Othodoxie und katholischer Kirche
Ausgabe: 1999/19, Suttner
11.05.1999
- Hans Baumgartner
Seit 20 Jahren nimmt der Wiener Theologe Ernst Ch. Suttner als katholischer Vertreter am offiziellen Dialog mit der Ostkirche teil. Wie sieht er die Papstreise und die Ökumene mit der Orthodoxie?
Viele bezeichnen den Papstbesuch in Rumänien als besonderes Ereignis. Was erwarten Sie sich davon? Suttner: Die Papstreise stand sicherlich unter besonderen Vorzeichen, nachdem die rumänische Regierung diesen Besuch jahrelang gewollt hat, die orthodoxe Kirche lange dagegen war. Eine Besonderheit war auch, daß der Papst nur nach Bukarest kam. Dorthin, wo die Mehrheit der katholischen Christen aber lebt, nach Siebenbürgen und in die Moldau, kam er nicht.
Es hieß, der Papst habe sich bei seinem Programm an die „Wünsche“ der Orthodoxen gehalten, weil ihm die Begegnung so wichtig war . . . Suttner: Ich kenne die Verhandlungen nicht und will mich an den – reichlich vorhandenen – Spekulationen nicht beteiligen. Eines aber stimmt sicher: diesem Papst ist der Dialog mit der Orthodoxie ein ganz besonderes Anliegen. Unter seinem Pontifikat hat 1980 auch der offizielle katholisch-orthodoxe Dialog begonnen. Bremser auf beiden Seiten
Sie sind Mitglied dieser Dialogkommission und haben Einblicke: Warum schleppt sich derzeit die orthodox-katholische Ökumene so mühsam dahin? Suttner: Das ist wie beim Kosovo-Konflikt: Warum ist es so schwer, für beide Seiten vertretbare Lösungen zu finden? Wenn die Vernunft fehlt, kann man keine Lösungen finden. Bezüglich der katholisch-orthodoxen Ökumene fehlt die Vernunft bei den Fundamentalisten auf beiden Seiten. Das sind Leute, die vom Ökumenismus nichts wissen wollen – und die sind nicht ohne Einfluß. Auf der orthodoxen und auch auf der griechisch-katholischen Seite sind das Leute, die wegen der kommunistischen Abschirmung von der ökumenischen Bewegung kaum etwas mitbekommen haben. Und weil sie nicht wissen, worum es in der Ökumene wirklich geht, bekämpfen sie einen Popanz von „Ökumenismus“, der für sie soviel bedeutet wie Gleichmacherei und Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit und Tradition, indifferentes Kirchen- und Glaubensgemisch etc. Aber das ist nicht Ökumene!Die Fundamentalisten auf der katholischen Seite tun zwar so, als ob sie das Vatikanische Konzil unterschreiben, aber sie halten sich nicht daran, wenn es nicht in ihre Vorstellungen paßt. Und solche Leute haben wir genug, an der Basis (auch unter sogenannten Progressiven) ebenso wie an der Kurie. Die schlimmsten, weil scheinheiligsten unter ihnen sind die, die unter Berufung auf die „wahre Lehre“ und ihre Papsttreue fest auf der ökumenischen Bremse stehen. Nur der Papst, auf den sie sich berufen, ist nicht Johannes Paul II.! Und so kommt es, daß in der Debatte um jene zentralen Themen des Glaubens, in denen Einigkeit notwendig ist, jeder seinen theologischen Schrebergarten zum Maß aller Dinge macht. Die vom Konzil gelehrte Hierarchie der Wahrheiten bleibt dabei ebenso auf der Strecke wie das nüchterne theologische Denken und der kritische Blick in die Geschichte – Voraussetzungen, ohne die ein fruchtbarer ökumenischer Dialog nicht möglich ist.
Aktueller Streitfall
Neben diesen grundsätzlichen Störkräften gibt es auch den Konflikt um die „unierten Kirchen“. Wie sehen Sie das? Suttner: Mit der Wende in Osteuropa sind die unierten, also mit Rom verbundenen Ostkirchen wieder aus den Katakomben gekommen, vor allem in Rumänien und der Ukraine. Befreit von der kommunistischen Zwangseingliederung in die Orthodoxie wollten sie ihre alten Besitzstände wieder haben – Kirchen, Gebäude etc. Da kam es mitunter zu handfesten Konflikten zwischen den neuen unierten Gemeinden und den verbliebenen orthodoxen Gemeindeteilen. Ein Teil der Orthodoxie sah in dieser Bewegung katholisches Vormachtstreben und forderte ein Ende der „Abwerbung“.
Konnte ein Ausweg aus diesen Spannungen gefunden werden? Suttner: Für diejenigen, die mitdenken und Versöhnung anstreben, ist das Thema geklärt. Ob es damit zu einer Entspannung kommt, hängt sehr davon ab, wie man pastoral und kirchenpolitisch mit den Ergebnissen, die in der Dialogkommission erzielt wurden, umgeht. Da muß man realistisch sein, daß das seine Zeit braucht – nach den Jahrzehnten der Propaganda, der Lüge und Unterdrückung. Dazu kommt ein akuter Mangel an theologisch gebildeten Leuten, die man für die ökumenische Aufklärungsarbeit bräuchte.
Irrtum und Versöhnung
Was ist der Kern der Übereinkunft in der Dialogkommission? Suttner: Ich möchte zwei Punkte nennen: Die Kommission sagt, daß die sogenannte exklusivistische Theologie, also die Überzeugung, daß die Orthodoxen katholisch gemacht werden müssen, damit sie in den Himmel kommen – und umgekehrt, eine Verirrung war. Daraus folgt, daß alle Schritte, die auf dieser Basis gesetzt worden sind, möglicherweise gut gemeint, objektiv aber falsch waren. Und dieser Irrtum darf nicht wiederholt werden. Der zweite Punkt ist der: Diejenigen, die nun einmal einer vor Jahrhunderten so entstandenen kirchlichen Gemeinschaft (wie z. B. der griechisch-katholischen Kirche in Rumänien) angehören, haben ein Recht auf Anerkennung ihrer kirchlichen Tradition. Mir ist schon klar, daß sich mit dieser grundsätzlichen Übereinkunft in der Praxis manche schwertun, auch Bischöfe und Priester. Wenn man noch vor zehn Jahren für den eigenen Glauben besonders hart verfolgt wurde, wenn man selber in Notquartieren Gottesdienst feiern muß, während die Kirche, die die eigenen Vorfahren gebaut haben, von den anderen besetzt ist usw., da braucht es schon viel guten Willen, um zu einem gedeihlichen Zusammenleben zu kommen. Und dann gibt es immer wieder die Scharfmacher auf beiden Seiten, die das Klima vergiften, oder sogenannte Kirchendiplomaten, die durch dumme Äußerungen die Angst bei den Unierten schüren, sie könnten das Bauern-opfer für den Frieden mit der Orthodoxie sein.