Selbst ein reichgedeckter Tisch zum Festtag hierzulande erweckt den Eindruck einer Armenspeise, vergleicht man ihn mit dem Genuß, den die libanesische Gastfreundschaft und Küche aufzubieten weiß. Und es läßt erahnen: jenes Mahl, das Gott den Völkern am Ende der Zeit auf dem Zion bereiten wird, muß durchaus keine diesseitigen Horrorvisionen vom ewigen Schnitzelessen hervorrufen.
Schon der Anblick eines mit den Vorspeisen gedeckten Tisches ist das halbe Vergnügen und weckt die Freude am Essen. Um eine Glasschale, in der verschiedenste Gemüse aufgetürmt wurden, stehen Schälchen mit kalten Vor-speisen. Jedes für sich ist ein Kunstwerk: das Kichererbsenpüree oder Auberginenmus mit seinem rauchigen Geschmack. Nicht abgefüllt, vielmehr eingestrichen, mit den Farben von Gewürzen und frischen Kräutern dekoriert. Sechs bis acht Vorspeisen sind Standard, bis zu 40 wenn es Besonderes zu feiern gibt. Und wenn dann erst der Hauptgang aufgetragen wird, sollte man noch unbedingt etwas kosten, das gebieten dem Gast guter Anstand und Sitte. Neben der Farbenpracht für das Auge gehört auch Ruhe und Gelassenheit zur Mahlzeit. Das angeregte Gespräch bei Tisch verlängert die Zeit des Genießens. So vergehen vier Stunden wie im Flug – und niemand denkt daran: das hat jetzt eine halbe Ewigkeit gedauert.