Mit einer Reise der Caritas besuchen Paten ihre Kinder im Libanon
Ausgabe: 1999/20, Libanon, STefan Maier
18.05.1999
- Walter Achleitner
Seit acht Jahren sorgt Marianne Jechtl für Laudy im Libanon. Nun war die Patin aus Österreich zum ersten Mal Gast bei Familie Azzi in Beirut.
Stolz wie eine Mutter freut sich Marianne Jechtl über Laudy und legt ihre Hand über die Schulter der 16jährigen. „Es war einfach wunderbar, wie die Mädchen getanzt haben“, erzählt die 58jährige Oberösterreicherin. Beinahe zwei Stunden hatte das Fest vorvergangene Woche im Waisenhaus St. Vincent in Ajeltoun gedauert, das mehrere hundert Kinder und Jugendliche für die 20 Gäste aus Österreich gestaltet hatten. Von Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ – gesungen von den Achtjährigen – bis zum Cocktail aus orientalischen Tänzen, vorgeführt von der Gruppe nahezu erwachsener junger Frauen. Unter den Bauch- und Dabketänzerinnen: Laudy Azzi, das Patenkind von Marianne Jechtl. „Mit dem Fest“, so Schwester Laurice Obeid, Leiterin von St. Vincent, „wollen wir die Dankbarkeit und die Freude über den Besuch unserer Gäste aus Österreich zum Ausdruck bringen. Sie helfen uns nicht nur finanziell, sondern sie sind uns auch eine große moralische Stütze.“
Vor den Augen der Kinder
Für Marianne Jechtl war die zehntägige Reise mit der Caritas Salzburg vorläufiger Höhepunkt ihrer Patenschaft mit der jungen Libanesin: „Es war meine erste große Reise. Zum ersten Mal bin ich geflogen.“ Doch all das sei nur Nebensache gewesen. Vielmehr habe sich die ehemalige Postbeamte auf die Begegnung mit Laudy gefreut, jenem Mädchen, das sie seit acht Jahren unterstützt. In einer Fernsehsendung hat Frau Jechtl erstmals von dem Projekt gehört, Waisenkindern des libanesischen Bürgerkrieges die Schulausbildung zu ermöglichen. „Das Schicksal der Kleinen“, so schildert Jechtl ihre Beweggründe, „hat mich nicht mehr losgelassen: In den letzten Monaten des erbarmungslos grausamen Krieges wurde Laudys Mutter getötet. Eine Granate zerriß sie in der Küche vor den Augen ihrer Töchter. Nancy, die um vier Jahre jüngere Schwester von Laudy, stand unter so großem Schock, daß sie zwei Jahre nicht sprechen konnte. Und Vater Maurice, zu diesem Zeitpunkt Tagelöhner mit kaum einer Aussicht auf Arbeit, war mit der Situation völlig überfordert. Er wollte die beiden nach Frankreich schicken.“Es waren Barmherzige Schwestern, die in Nabaa, dem einst christlichen Stadtviertel Beiruts, als Sozialarbeiterinnen tätig waren, und vom drohenden Schicksal der Geschwister erfuhren. Sie läuteten im Waisenhaus von Ajeltoun die Alarmglocken. „Der Vater hatte bereits die Flugtickets“, erinnert sich Stefan Maier, Libanon-Referent der Caritas in Salzburg. „Es war ein langes und mühsames Gespräch. Aber dann ist der Vater verschwunden und kam mit den Reisepässen zurück. Das hieß: Maurice war einverstanden, daß die beiden ins Waisenhaus gehen und im Libanon bleiben sollten. Und heute ist der Vater froh, sich so entschieden zu haben“, ergänzt Maier.
Mit einer gelben Nelke
Während der Tage im Libanon findet Marianne Jechtl immer wieder Gelegenheit, sich mit Laudy zu treffen. „Bei der Ankunft am Flughafen habe ich zunächst nicht gewußt ob sie es ist oder nicht; ich hatte nur ein Kinderfoto von ihr . . . Als sie dann mit einer gelben Nelke auf mich zukam, bin ich über meine sprachlichen Grenzen gestolpert. Ich habe in Deutsch auf sie eingesprochen. Aber ich glaube, wir haben uns auch so verstanden. Später hat sich immer wieder jemand zum Übersetzen gefunden.“Bisher hatte die Patin jede Gelegenheit genutzt, mit ihrem Patenkind wenigstens schriftlich Kontakt zu halten. Mehrmals jährlich wurden von Hofkirchen aus Briefe nach Beirut geschickt, die stets prompt erwidert wurden. Daß sie nun aber den Alltag des Mädchens kennenlernen durfte, das hinterläßt Eindrücke, die kein Brief vermitteln kann. Zwei Tage nach dem Fest in St. Vincent besuchen Laudy und Nancy mit ihrem Gast die Wohnung im Stadtteil Nabaa, einem Armenviertel in Ostbeirut. Und hier erfährt Marianne Jechtl über nahezu alle Konflikte, unter denen auch acht Jahre nach Ende des Bürgerkriegs die Bevölkerung leidet.
Sozialer Brennpunkt
Vater Maurice ist es trotz extrem hoher Arbeitslosigkeit zwar gelungen, eine Arbeitsstelle zu finden. Aber als Hilfskrankenpfleger im größten Krankenhaus der Hauptstadt verdient er gerade 7000 Schilling im Monat. Davon zahlt er die Hälfte für die Miete – ohne Strom und Wasser; der Rest bleibt zum Leben, das annähernd so teuer ist wie in Österreich. Dabei ist er froh, überhaupt hier wohnen zu können. Denn der ursprüngliche Besitzer, ein Moslem, der während des Krieges von hier in den muslimischen Westen der Stadt geflohen ist, hat ihn nicht auf die Straße gesetzt. Aber auch für Maurice ist die Wohnung im zweiten Stock nur eine Übergangslösung. Vielmehr träumt er davon, sein eigenes Haus wieder aufzubauen. 1976, zu Beginn des Krieges, war es dem Erdboden gleichgemacht worden. Doch zwei Fragezeichen begleiten seine Pläne: Wie den Wiederaufbau finanzieren? Und werden seine Töchter, die nie in den Schuf-Bergen gelebt haben, dorthin mitgehen?
Wie geht es weiter?
Auch Frau Jechtl begleitet eine Zukunftsfrage: „Wie wird es mit Laudy weitergehen?“ Für libanesische Verhältnisse ist sie mit 16 im heiratsfähigen Alter. Wird sie es schaffen und die Schule nicht frühzeitig abbrechen? Wie ihrer eigenen, nur um drei Jahre älteren Tochter Barbara, die derzeit studiert, wünscht Marianne Jechtl auch ihrem Patenkind Laudy die möglichst beste Ausbildung. „Wir werden ja sehen“, sagt sie schmunzelnd, „ob für Laudy der Traum in Erfüllung geht. Sie will umbedingt Stewardeß werden.“
Informationen zur Caritas-Patenaktion im Libanon erhalten Sie beiHerrn Stefan Maier, Caritas Salzburg, Universitätsplatz 7, 5010 Salzburg. Tel. 0 66 2/84 93 73-28
Hintergrund
Friedenschance für Nahen Osten
Seit dem Eimarsch Israels im Libanon 1982 ist nach wie vor ein rund 10 Kilometer breiter Streifen im Süden des Landes als „Sicherheitszone“ von israelischen Truppen besetzt. Die Kirchenzeitung sprach mit Stefan Maier, Caritas-Referent für den Nahen Osten, über die Wahlen in Israel am 17. Mai.
Welche Bedeutung hat die Wahl in Israel für den Libanon?
Maier: Sie sind von großer Bedeutung, denn davon hängt die Entwicklung der gesamten Region ab. Nur mit der Gründung eines Palästinenserstaates könnte das leidige Problem der israelischen Besetzung des Südlibanon gelöst werden. Und solange es keine große Friedenslösung für die Region gibt, wird es auch keinen Frieden im Libanon geben.
Gleichzeitig ist der Libanon Spielball im israelischen Wahlkampf.
Maier: Das war vor den Wahlen 1996 so, als Israel die Offensive „Früchte des Zornes“ startete. Shimon Peres wollte damit Stärke demonstrieren, um die Wahlen zu gewinnen. Mit dem Bombardement des Flüchtlingslager von Kanaa, bei dem über 100 Menschen getötet wurden, verlor er viele arabischstämmige Wähler. Insofern war der Südlibanon wahlentscheidend. Auch Netanyahu setzt auf diese Karte. Mitte April wurde die Sicherheitszone um die Stadt Arnoun ausgeweitet. Und im Kampf gegen die Hisbollah bombardierten Anfang Mai israelische Kampfjets sogar das Zentrum von Baalbek, im Norden des Libanon.