Über einen Job mit eigener Ausbildung und nicht gerade üppigem Gehalt
Ausgabe: 1999/21, Tagesmutter
25.05.1999
- Isabella Ömer
Nicht daheim und trotzdem Nestwärme: Vor allem für ein- bis dreijährige Kinder sind Tagesmütter eine Alternative zu den seltenen Krippenplätzen.
Melissa ist die lebhafteste von allen. Sie sitzt auf dem Boden und räumt die Spielzeugtruhe aus. Tobias blättert fasziniert in einem Bilderbuch. Hannes kann sich nicht entscheiden, womit er spielen soll. Und Julia ist heute krank. Das sind die vier Sprößlinge von Johanna Hirsch – nein, nicht ihre eigenen: Johanna Hirsch ist Tagesmutter. Sie betreut den Nachwuchs berufstätiger Eltern, der für den Kindergarten meist noch zu jung ist.
Gut mit Familie vereinbar
Der Job ist für die ausgebildete Sonderschullehrerin ideal: Sie kann ihn mit den eigenen Kindern, 12 und 15 Jahre alt, gut vereinbaren. „Außerdem bin ich frei. Ich kann den Tag gestalten, wie ich es für richtig halte“, sagt Johanna. In ihrem Zimmer stapeln sich Kinderbücher und Spielsachen. Mal basteln die Kleinen mit der Tagesmutti, mal spielen sie schon recht selbständig. Während Johanna kocht, hören die Kinder gerne Musik und tanzen dazu.
Ausbildung ist notwendig
Johanna Hirsch ist beim „Treffpunkt Tagesmütter“ in Linz angestellt. Der Verein vermittelt den Betreuerinnen nicht nur Kinder berufstätiger Eltern, er organisiert auch die Ausbildung. Die Tagesmütter befassen sich in insgesamt 116 Unterrichtsstunden mit Entwicklungspsychologie und dem Umgang mit kindlichen Gefühlen. Sie lernen, Konflikte mit den Eltern zu lösen, befassen sich mit Kinderbüchern und probieren Spiele aus. Erfahrung in Kindererziehung, am besten mit den eigenen Sprößlingen, ist Voraussetzung, um in den Verein aufgenommen zu werden. „Die meisten Tagesmütter machen den Job ein paar Jahre, während sie bei ihren eigenen Kindern zu Hause sind“, sagt Helga Stadlbauer vom „Treffpunkt Tagesmütter“. „Sie wollen einen Beruf, der sich mit der eigenen Familie gut vereinbaren läßt.“ Die meisten Tagesmütter kommen aus typischen Frauenberufen wie Sekretärin oder Verkäuferin. Maximal vier Kinder unter 15 Jahren, inklusive der eigenen, dürfen sie zu sich nehmen. Für 20 Stunden Betreuung erhalten sie pro Kind ungefähr 2.000 Schilling. Die Bezahlung ist nicht gerade üppig, ist man als Ersatzmutti doch die ganze Zeit eingespannt. Andererseits könnten sich bei höheren Preisen viele Eltern keine Tagesmutter leisten – trotz Förderung von Land und Arbeitsmarktservice.Johanna Hirsch ist mit ihrer Aufgabe als Tagesmutter glücklich: „Ich habe zwar überlegt, wieder in der Schule zu unterrichten. Aber mir taugt das mehr. Ich liebe einfach die ganz kleinen Kinder.“
Schwierige Trennung
Johannas Tageskinder sind alle um die zwei Jahre alt. Die Eingewöhnung war für die Kleinen anfangs schwer: „Melissa hat die ersten zwei Wochen nur geweint. Es war die erste Trennung von den Eltern. Jetzt kommt sie aber gerne zu mir.“ Die Zusammenarbeit mit den Eltern klappe hervorragend, betont Johanna. Darauf achtet auch der Verein: Eltern und Tagesmütter besprechen gemeinsam die Erziehungsgrundsätze. Das Wesentliche wird im Vertrag festgehalten. Eines ist Johanna Hirsch besonders wichtig: „Die Kleinen sollen teilen lernen. Meine Kinder sind hauptsächlich Erstkinder und daher fällt ihnen das am Anfang oft schwer. Ich will ihnen beibringen, daß sie lieb miteinander umgehen.“
Adressen in Oberösterreich Verein „Pflege-und Adoptiveltern“, Treffpunkt Tagesmütter, Dametzstraße 43, 4020 Linz, Tel. 0732/78 32 51, DW 15 oder 16.