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Wieder neu anfangen

Katholische Männerbewegung unterstützt Hurrican-Opfer in Nicaragua
Ausgabe: 1999/21, Nicaragua, KMB
25.05.1999
- Josef Wallner
Eine Delegation der Kath. Männerbewegung OÖ besuchte Nicaragua und konnte sich vor Ort von den Fortschritten und den Schwierigkeiten des Wiederaufbaus nach dem Hurrican Mitch überzeugen. Eine Begegnung mit den Indianern von Tuskru Tara.

Tuskru Tara ist ein Dorf im Norden Nicaraguas. Es befindet sich am Rio Coco, dem Grenzfluß zwischen Honduras und Nicaragua. Tuskru Tara liegt am Ende der Welt – damit ist die Lage der Siedlung am besten beschrieben. Ohne ortskundigen Führer finden nicht einmal Mitarbeiter von Hilfsorganisationen zum Dorf der Miskito-Indianer – genauer: zu den Notunterkünften, in denen die Bewohner seit November 1998 wohnen, seit der Rio Coco ihr gesamtes Dorf weggerissen hat – mehr als 130 Hütten.
Die Miskitos von Tuskru Tara wollten anfangs den Radiomeldungen nicht glauben, daß sie durch den Hurrican gefährdet sind. Weder Wind noch Regen deuteten auf die Katstrophe hin. Doch binnen kurzem schwoll der Strom um mehrere Meter an und verwandelte sich zur alles vernichtenden Flutwelle. Die Bewohner von Tuskru Tara konnten nur das nackte Leben retten. Wieder einmal standen sie vor dem Nichts. So wie in den 80iger Jahren, als sie in das Landesinnere umgesiedelt und ihr Dorf von der Regierung niedergebrannt wurde. Zu ihrem eigenen Schutz vor den Contra-Rebellen, wie man ihnen erklärte.
Glücklicherweise befolgten die Bewohner von Tuskru Tara die Aufforderung über Äther und versammelten sich an einer höher gelegenen Stelle des Ufers. Sie hatten Glück im Unglück: Der Hurrican forderte in Tuskru Tara keine Todesopfer.
Junge nicaraguanische Ärzte von der Acción Médica Christiana waren die ersten, die mit Motorbooten zu den Indianern am Rio Coco vordringen konnten. Was sich ihnen bot, war ein Bild des blanken Elends.

Leben in Notbehausungen

Inzwischen haben sich die Bewohner von Tuskru Tara Notunterkünfte gebaut. Aus Zeltplanen von Hilfsorganisationen, aus Schilfmatten, Ästen sowie Brettern und Wellblechteilen, die angeschwemmt wurden.
Nachdem die Menschen von Tuskru Tara notdürftig versorgt waren, mußten sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Platz für ihr Dorf machen. Da sie nach den schrecklichen Erfahrungen nicht wieder unmittelbar am Rio Coco wohnen wollten, wählten sie rund einen Kilometer vom Fluß entfernt eine wenig bewaldete Fläche. Dort wird nun ihr neues Dorf entstehen. Mit finanzieller Hilfe aus Österreich.
Über die Acción Médica Christiana wurde mit den Indianern eine Vereinbarung über den Wiederaufbau getroffen. Hilfsorganisationen stellen das Wellblech für die Dächer, Nägel, Motorsägen und auch einige Holzarbeiter, die Balken und Bretter für das Grundgerüst und die Böden der Häuser schneiden. Rund 4.200,- Schilling kostet das Baumaterial für ein Haus. Bretter für die Wände sind in diesem Betrag nicht vorgesehen. Die müssen vorerst aus dem Material der Notunterkünfte gezimmert werden. Den Bau der Häuser übernehmen die Bewohner von Tuskru Tara natürlich selbst.

Mühsamer Wiederaufbau

Überall in dem weitläufigen Dorf wird gegraben, um die rund einen Meter hohen Pfähle einzusetzen, auf denen die Holzhäuser errichtet werden. Es wird gesägt und genagelt.
Von den 138 geplanten Häusern sind aber erst wenige fertiggestellt. Für die Mehrzahl der Familien heißt das: Sie müssen die Regenzeit, die soeben beginnt und bis Oktober dauert, in den Notunterkünften verbringen. Die Aussicht auf ein Ende der Not ist aber ein Hoffnungsschimmer.
In die erste Phase des Hausbaus kam eine weitere Katastrophe: der Hunger. Die Familien bauten ihr Saatgut an der Stelle an, wo sie auch vor dem Hurrican ihre Felder hatten. Die Saat trieb zwar aus, aber bald verkümmerten die Pflänzchen. Der Schlamm hatte den Boden unfruchtbar gemacht. Da die Nahrungsmittel-hilfe nicht ausreichend war, mußten die Bewohner mit täglich 1.200 Kalorien auskommen. Daß man damit keine Kraft zur Waldarbeit und zum Hausbau hat, ist verständlich. Die Katholische Männerbewegung Oberösterreich finanziert nun Grundnahrungsmittel. Wöchentlich werden Reis, Bohnen, Öl und Babynahrung in das Dorf gebracht.
Der Dorfälteste bedankte sich herzlich, daß eine Delegation aus Österreich Tuskru Tara besuchte. Der Besuch sei für ihn ein Zeichen, daß sein Dorf nicht vergessen ist. Besonders freute er sich über die Anwesenheit von Landesrat Dr. Walter Aichinger, der mit der KMB unterwegs war. Der Dorfälteste Mansanto Filemon: „Bis jetzt hat noch nicht einmal ein Bezirkspolitiker den Weg in unser leidgeprüftes Dorf gefunden“.


HINTERGRUND


Nicaragua im Jahr eins nach dem Hurrican

Der Hurrican Mitch hat Ende Oktober und in den ersten Tagen des November 1998 eine Spur der Verwüstung durch Nicaragua gezogen. In manchen Regionen fielen an einem Tag 480 mm Regen. Die jährliche (!) Niederschlagsmenge in Wien beträgt 630 mm. Die Bilanz des Wirbelsturms und der anschließenden schweren Regengüsse war verhehrend: 3.600 Tote, mehr als 1.000 Vermißte, über 800.000 Bewohner Nicaraguas waren schwer betroffen (die Häuser zerstört, die Ernte vernichtet).
Um gezielt und koordiniert helfen zu können, haben sich die Kath. Männerbewegung, die Kath. Frauenbewegung, die Dreikönigsaktion, der Österr. Entwicklungsdienst und das Institut für Internationale Zusammenarbeit zur Kampagne „Vamos“ zusammengeschlossen. „Vamos” unterstützt die Menschen mit Baumaterialien und Saatgut, hilft bei der Reinigung von Brunnen und beim Schulbau.
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