Irfan Velia versucht vergeblich, die Familie nach Österreich zu bringen
Ausgabe: 1999/21, Behördendschungel, Velia, Familie
25.05.1999
- Walter Greußing
Er hat das Menschenmögliche getan: die nötigen Papiere eingereicht und den erforderlichen Wohnraum beschafft. Trotzdem hat es Irfan Velia nicht geschafft, seine von den Serben vertriebene Familie zu sich nach Vorarlberg zu holen.
Der in Frastanz wohnhafte 29jährige Bagger- und Radladerfahrer ist verzweifelt und versteht die Behördenwelt nicht mehr. Vor drei Wochen hat er den Antrag auf Familienzusammenführung gestellt und die Verpflichtungserklärung für seine Frau und die drei Kinder zwischen sechs und neun Jahren unterzeichnet, bestmöglich zu sorgen. Auch die geforderten Beilagen wie Lohnbestätigung und Mietvertrag hat er mitgeliefert. Ergebnis bislang negativ. Dabei ist seine Frau in der glücklichen Lage, noch über einen Paß für sich und die Kinder zu verfügen. Trotzdem war die Österreichische Botschaft in Tirana bisher nicht bereit, ein Visum auszustellen. Natascha Trobonjaca von der Flüchtlingshilfe der Caritas in Feldkirch ist noch völlig frustriert vom letzten Telefonat mit dem Konsul. „Man tut dort so, als hätte man es mit Touristen zu tun, die nach Österreich einreisen wollen, und nicht mit gewaltsam Vertriebenen, die unter schwierigsten Bedingungen leben müssen!“
Ohne Paß kein Visum, basta!
Deshalb rechnet sie sich auch keine Chancen aus, daß die gesamte Großfamilie nach Vorarlberg kommen darf. Denn die Mutter von Irfan, die Schwägerin mit vier Kindern und der Bruder mit seiner Familie haben keine Pässe mehr. Die wurden ihnen vor der Grenze von den Serben samt dem Geld abgenommen. Die Flüchtlingsbetreuerin weiß, was das praktisch heißt: „Wir können kein Visum eintragen, weil sie keinen Paß haben.“ Das ist die Haltung in der österreichischen Vertretung in Tirana. Über anderweitige Lösungsmöglichkeiten scheint sich niemand den Kopf zu zerbrechen . . . Der Vater von Irfan Velia würde seine Schwiegertochter und die Enkel sofort mitnehmen, wenn er könnte. Der Pensionist war sofort von Frastanz nach Albanien gefahren, als er erfahren hatte, daß die Serben auch in ihrer Heimat im südlichsten Zipfel des Kosovo mit Vertreibungen begonnen haben. Es gelang ihm sogar, seine Angehörigen in Bicaj in der Nähe von Kukes ausfindig zu machen. Innerhalb von zehn Minuten haben diese aus dem Heimatdorf Zapluzje fliehen müssen. Paramilitärs und Sondereinheiten der Serben hatten von den rund 600 Einwohnern etliche erschossen, die zu lange gezögert haben. „Rund 20.000 Menschen haben in dieser Region gelebt, die jetzt völlig menschenleer ist“, kann es Irfan Velia nicht fassen. Sein Dorf soll inzwischen völlig niedergebrannt sein.