Stammtischgeplauder mit Tiefgang: Es ist nie zu spät für einen Neuanfang
Ausgabe: 1999/25, Väter, KMB
22.06.1999
- Maria Haunschmidt
Hemdsärmelige Männer, die sich im Gastgarten unterm Kastanienbaum zuprosten: Das Ambiente war bewußt gewählt. Es ging einen Abend lang um das Thema „Väter gesucht! Wir Männer kennen die ganze Welt, aber unsere Kinder nicht!“
Der Männer- und Geschlechterforscher am Ludwig-Boltzmann-Institut in Wien, Dr. Erich Lehner, gab im Auftrag der Kath. Männerbewegung und der Kath. Jungschar der Diözese Linz Männern und Vätern sozusagen am Stammtisch Impulse für ein besseres Vätersein. Ein KMB-Obmann, der gern ein guter Vater sein sein möchte: „Man kann nicht so einfach aus dem gewohnten Rollenmuster aussteigen.“ Wie österreichische und deutsche Studien zeigen, geben Männer die Familie zwar als wichtigsten Wert an, ihr wahres Lebenselixier ist aber ihre Arbeit. Männer definieren sich in erster Linie über den Beruf, wollen in der Öffentlichkeit die Fäden in der Hand haben, diese Welt gestalten und ihr den Stempel aufdrücken. In der Familie fühlen sie sich vor allem für die materielle Existenzsicherung und die Zukunftsplanung zuständig, das Atmosphärische, Emotionelle überlassen sie lieber den Frauen. Die innere Entwicklung oder gar die Sorgen und Nöte der Kinder entgehen oft ihrer Aufmerksamkeit, und sie durchleben die Konflikte nicht mit dem Kind. Dies ist nicht die Schuld des einzelnen, sondern ein gesellschaftliches Phänomen, für das es eine 2000jährige Tradition gibt.
Ein „neuer Mann“ zu werden, der für Kinder so emotionell und so körperlich angreifbar wie möglich ist, ist deshalb ein mühsamer Entwicklungsprozeß. Da Kinder von Natur aus Vater und Mutter haben und brauchen, rät Dr. Lehner Vätern dringend, die Familie ins Blickfeld miteinzubeziehen, Beruf und Familie aufeinander abzustimmen, konkret die Arbeitszeit zu verändern, z. B. durch Teilung der Familien- und Berufsarbeit. (Übrigens werden Männer in nur zehn Tagen genauso kompetent für ihre Kinder wie die Mütter, wenn sie sich ganz auf das Vatersein einlassen.)
Es ist nie zu spät
Dies sei nicht nur gut für die Psyche „harter Männer“, sondern vor allem für die Kinder. Väter werden für ihre Kinder schon im Alter von minus neun Monaten wichtig. Über die Mütter geben Männer als Partner dem Kind Stabilität. Der emotionell und körperlich präsente Vater ist gleichermaßen für Mädchen und Buben wichtig zum Kennenlernen von zwei unterschiedlichen Stilen der Konfliktlösung sowie als gegengeschlechtlicher Pol für Mädchen und als Vorbild für Buben. Wenn man hört, daß Kinder durch die größere Präsenz des Vaters intelligenter und leistungsfäher werden, weniger Neurosen und Depressionen haben und seltener krank werden – dann wird es Männern sicher leichter fallen, das Bewußtsein zu verändern und ihren Weg als Vater und Mann, so gut es geht, zu korrigieren. „Es ist nie zu spät, damit anzufangen, ein besserer Vater zu werden!“, so das Resümee der Ausführungen des Theologen und Psychoanalytikers Mag. Dr. Erich Lehner.