Eine Welle der Begeisterung für Johannes Paul II. wie vor 20 Jahren
Ausgabe: 1999/25, Papst, Polen
22.06.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Wieder einmal hat Papst Johannes Paul II. Rekorde gebrochen: Er absolvierte ein Marathon-Programm mit einem Millionen-Publikum.
Während seiner 13tägigen Polenreise, die am Donnerstag der Vorwoche zu Ende ging, brachte Papst Johannes Paul II. in 30 Ansprachen seine Botschaft an die Bevölkerung seiner Heimat. Vom Gedenken an die leidvollen geschichtlichen Erfahrungen ausgehend, versuchte er, seinen Landsleuten geistige Orientierung in der Umbruchphase zu geben. Zentraler Anknüpfungspunkt für ihn war das Gedenken an die zahllosen Märtyrer: angefangen vom ersten Polen-Missionar, dem heiligen Adalbert, über die Opfer der sowjetischen Deportationen und der NS-Besetzung bis hin zu Jerzy Popieluszko, dem prominenten Märtyrer aus der „Solidarnosc“-Bewegung der 80er Jahre. Immer wieder beschwor der Papst, sich an diesen Vorbildern und ihren Werten zu orientieren, auch unter den neuen Bedingungen der Freiheit und eines steigenden Wohlstandes. Die Polen wollten die Botschaft hören. Neun bis zehn Millionen – rund ein Viertel der Bevölkerung – kamen an den 19 Orten zusammen, um „ihren“ Papst zu sehen. Wer nicht persönlich kommen konnte, verfolgte die Reise am Fernsehen. Die Einschaltquoten erreichten sechs und nach dem Krankheitstag acht Millionen Haushalte, was fast 100 Prozent entspricht. Alle Zeitungen berichteten seitenweise über die Gottesdienste und Begegnungen, viele Ansprachen wurden im Wortlaut dokumentiert.
Gesundheitsprobleme überschatteten gleich zweimal diese Reise, ohne den Erfolg aber zu schmälern. Am 12. Juni stürzte der Papst in der Nuntiatur in Warschau. Eine stark blutende Wunde am Kopf wurde mit drei Stichen genäht. Drei Tage später mußte er wegen einer fiebrigen Erkältung gar einen vollständigen Ruhetag einlegen. Und eine als ökumenische und persönliche Geste an das sterbenskranke Oberhaupt der armenischen Kirche, Katholikos Karekin I., kurzfristig geplante Reise von Krakau nach Armenien mußte abgesagt werden. Die beiden letzten Besuchstage füllte der Papst allerdings mit weiteren zusätzlichen Programmpunkten. Er schien sich am Ende gar nicht mehr aus seiner Heimat verabschieden zu wollen. Mit seinem Durchhaltevermögen wollte der 79jährige wohl trotz Alter, Schwäche und Krankheit seinen Einsatz bis zum Letzten im Dienste der Kirche dokumentieren. Trotz der Sorge um die Gesundheit und der ernsten Themen war dieser achte Heimatbesuch über weite Strecken ein fröhliches Volksfest. Nach dieser Welle der Begeisterung ist es nicht ausgeschlossen, daß der Papst auch im Rahmen der Jubiläumsfeiern des Jahres 2000 noch einmal in seine Heimat reisen wird. „Jedesmal, wenn ich nach Polen komme, gehe ich nach Tschenstochau, und ich werde auch weiterhin kommen“, sagte der Papst selbst.
Hintergrund
Papstmesse ohne Papst
Ausgerechnet in seiner früheren Bischofsstadt Krakau, in der er die meisten Jahre seines Lebens verbracht hat, ist Papst Johannes Paul II. erkrankt. Die Nachricht verbreitete sich am Dienstag vergangener Woche wie ein Lauffeuer. Die Radiosender, die noch über Straßensperren und Sonderbusse zur Papstmesse berichtet hatten, meldeten seit neun Uhr, daß der Papst wegen einer fiebrigen Erkältung seine Teilnahme am Gottesdienst absagen mußte. Auf vielen Gesichtern der 1,2 Millionen Teilnehmer zeigte sich Erschrecken, Besorgnis und auch Enttäuschung. Es dauerte nicht lange, bis die ersten durchnäßt und frierend weggingen. Sie zogen in Richtung erzbischöflicher Residenz, wo der Papst auf Anweisung seiner Ärzte den Tag mit Ruhe verbringen sollte. Die verbliebene Menschenmenge brauchte lange, bis sie sich vom Schock erholt hatte. Kaum eine Hand rührte sich zum Applaus, als Kardinal Franciszek Macharski, der Nachfolger des Papstes auf dem Krakauer Bischofsstuhl, die Predigt verlas. Ihr Inhalt, ein Lob auf die Großtaten in der Geschichte der polnischen Kirche, stand im Widerspruch zur verwirrten Stimmung. Erst als der Kardinal die persönlichen Grüße des Papstes verlas, brandete Beifall auf. Sprechchöre skandierten „Gute Gesundheit, Heiliger Vater!“. Vollends gelang es, die Stimmung herumzureißen, als Macharski rief: „Der Heilige Vater hört uns zu!“ Jetzt kannten die Sprechchöre kein Halten mehr, und für eine Viertelstunde schien es, als wäre der Papst tatsächlich gegenwärtig, um die Wünsche „Sto lat“ – „Hundert Jahre soll er leben“ zu hören.