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Leben im Familiendschungel

Nach dem Jahr 2000: Neue Familienformen als große Herausforderung
Ausgabe: 1999/26, Familiendschungel, neue Familienformen
29.06.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Kerstin Kordovsky-Schwob
Bei der jährlichen Fachtagung setzte sich der Verband der diplomierten Ehe- und FamilienberaterInnen mit der „Zukunft der Familienformen nach der Jahrtausendwende“ auseinander. Der Verband feierte auch das 25-Jahr-Jubiläum.

Alleinerzieher-, Adoptiv-, Pflege- oder Stieffamilien – das Leben in den sogenannten „neuen Familienformen“ stellt Eltern und Kinder vor ungeahnte Herausforderungen. Für die Kinder heißt dies: Leben in der Diskrepanz zwischen biologischer Herkunft und persönlichem Zugehörigkeitsgefühl. So stellt sich etwa bei Adoptivkindern spätestens dann, wenn sie in die Pubertät kommen, brennend die Frage nach den leiblichen Eltern.

Kinder, die aus einer künstlichen Befruchtung stammen, werden später sicher wissen wollen, wer der Mann war, dessen Same die Hälfte ihres Erbgutes trug. Welche Fragen werden dann erst geklonte Kinder stellen, sollte es diese jemals geben? Schwierig ist die Situation in anderer Weise für Alleinerzieher-Familien, denn ihnen fehlt eine Achse des wichtigen Dreiecks zwischen Mutter, Vater und Kind. Eine Chance für Alleinerzieher-Kinder, dieses Defizit auszugleichen, sind jedoch andere Beziehungsdreiecke, in denen sie leben.

Generell – so der Tenor der in der Familienberatung Tätigen – muß angesichts der Unzuverlässigkeit herkömmlicher Familienstrukturen die Bedeutung anderer sozialer Netze ernster genommen werden. „Meine Familie kann auch der Kreis vertrauter Personen sein, zu denen ich mich hingezogen fühle und bei denen ich geborgen bin.“ Deshalb sehen viele Berater/innen ihre Aufgabe auch darin, sich mit Menschen nach Scheidungs- oder Beziehungskrisen auf die Suche nach Gemeinschaften zu begeben, in denen sie ihr Leben wieder hoffnungsvoll gestalten können. Dabei stehen Menschen, die nicht dem Ideal der Kernfamilien entsprechen, oft vor dem Problem, daß es für sie keine anerkannten Richtlinien und Normen gibt. Wann ist man ein guter Scheidungsvater?

Aktive Zuhörer/innen

Unter welchen Umständen ist die Beziehung zwischen Adoptiveltern und leiblichen Eltern als geglückt zu betrachten? Wann bin ich als Freund einer Alleinerzieherin auch eine positive Bezugsperson für deren Kind? Der Wiener Psychoanalytiker Helmuth Figdor betonte, daß neue Familienformen zwar spezifische Anforderungen stellen, diese aber mehr oder weniger gut erfüllt werden können. So kann das Leben in einer Adoptiv- oder einer Alleinerzieherfamilie genauso glücken oder chaotisch verlaufen wie in jeder anderen Familie auch.

Interessant war auf der Tagung auch nebenbei zu hören, wie sich der Ansatz der Ehe-, Familien- und Lebensberatung in den letzten 25 Jahren gewandelt hat: Nämlich, daß sich der Berater vom scheinbar allwissenden Ratgeber zum Zuhörer und Zeugen eines Prozesses entwickelt hat. Die Therapie ist so zu einem gemeinsamen Prozeß des Suchens geworden und ermöglicht Ratsuchenden, ihre eigenen Muster oder Problemlösungen zu entdecken.
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