Letzte Woche war ich in Jerusalem, der Tochter Zion, die vom Propheten Sacharja aufgefordert wird, das Kommen des Königs laut zu bejubeln. Laut ist tatsächlich vieles in dieser Stadt: Autohupen, Marktgeschrei, Lautsprechermusik, Menschenstimmen in babelscher Sprachenvielfalt. Doch ist das der von Sacharja erwartete Jubel? Zumindest kein einstimmiger: Zu verschieden sind die Könige, die einziehen, und denen je ein Teil des Lärms gebührt: der politische Vertreter, von dem sich einige entscheidende Vermittlungen im Friedensprozeß erhoffen; der religiöse Führer, mit dem andere zur Jahrtausendwende in der Heiligen Stadt kollektiven Selbstmord begehen wollen; die Repräsentantin eines Wirtschaftsunternehmens, von der wieder andere eine Steigerung des Wohlstands erwarten; die Führungspersönlichkeiten neuer Einwanderungsgruppen, die hier ein besseres Leben finden wollen, und weitere.
Sacharja meinte einen anderen König: einen König im Geiste Gottes. Er ist demütig – und wird darum leicht übersehen. Er ist gerecht – und wird darum von einzelnen Interessensgruppen für ungerecht gehalten. Er hilft – und wird darum von denen, die sich selber gerne in der Rolle des großen Helfers sehen, lächerlich gemacht. Doch wenn man genau hinhört, hört man in Jerusalem auch die Stimmen, die diesem König gelten: Das aufrichtige Rosenkranzgebet einer christlichen Pilgergruppe, der Ruf eines Muezzins und das Murmeln des arabischen Händlers, der daraufhin mitten im Geschäftstrubel seinen Gebetsteppich ausbreitet, der Gesang einer feiernden Gruppe von Juden an der Klagemauer oder aus einer Synagoge. Freilich, auch diese Stimmen sind nicht unisono.
Doch ist es so schlimm, wenn wir nicht länger um unseren Status der einen wahren Tochter des Herrn kämpfen, sondern von mehreren Töchtern sprechen, die in Jerusalem einander besonders nahekommen? Es ist doch nur ein Gott, den jede auf ihre Weise ersehnt. Es ist doch nur ein Gott, dem jede auf ihre Weise zujubelt. Es ist doch nur ein Gott, dem jede gleichermaßen das Leben verdankt. Das Evangelium dieses Sonntags lehrt uns Bescheidenheit in bezug auf unser Wissen über Gott: „Niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ Wir Christen und Christinnen glauben an den Messias Jesus Christus, der demütig und gütig in Jerusalem eingezogen ist. In ihm und durch ihn jubeln wir dem einen und einzigen Gott Schöpfer der Welt zu. Wie unsere Schwestern sollten wir die anderen Töchter Zions lieben und ihren Jubel als Jubel aus demselben Geiste achten.