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Zehn Jahre Leben mit offener Grenze

Nach Abbau des Eisernen Vorhangs hat sich das Leben verändert.
Ausgabe: 1999/27, Klement, Hohenfurt, Kirchschlag, St. Thomas, Guglwald, Heuraffl
06.07.1999
- Ernst Gansinger
Vor zehn Jahren, am 27. Juni 1989, schnitten der damalige Außenminister Dr. Alois Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn das erste Stück Stacheldraht aus dem Eisernen Vorhang. Am 11. Dezember 1989 wurde auch die oberösterreichisch-tschechische Grenze bei Wullowitz durchtrennt.

„In jedermanns Gesicht war Freude zu erkennen und die Entschlossenheit, von nun an Frieden und Freiheit gemeinsam zu wahren“, beschreibt Altlandeshauptmann Dr. Josef Ratzenböck die ergreifende Szene. Trotz vieler Ängste, bedingt durch Unterschiede in Lebensstandard Lohn- und Preisniveau, kommen die positiven Momente der Grenzöffnung viel stärker zum Tragen.

Linz und Budweis sind Partnerdiözesen. Viele Oberösterreicher haben etwa zur Instandsetzung von Kirchen im Grenzraum beigetragen. Entscheidend hat die tschechische Bevölkerung selbst Aufbauarbeit geleistet.


1989 fiel der Eiserne Vorhang – und dann?

Vor kurzem wurde des Beginns vom Fall des Eisernen Vorhangs vor zehn Jahren gedacht. Europa hat sich seither wesentlich gewandelt. Werfen wir einen Blick auf ein Detail dieser Veränderung . . .

Hedwig Klementová und ihr Mann Mag. Vladimir haben die Zeit des Kommunismus und den Fall des Eisernen Vorhangs auf der anderen, der unfreien Seite der Grenze, in der CSSR, erlebt.

Frau Klementová spricht perfekt Deutsch, mit österreichischem Akzent. – Kein Wunder, die Wurzeln ihrer Herkunft haben sie all die Jahre der kaum möglichen Außenkontakte auch in ihrer sprachlichen Identität gut überdauern lassen. Wichtigen Halt gab dem Ehepaar dabei die Kirche. Beide blieben praktizierende Katholiken. Gleich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sollte ihnen eine wichtige Aufgabe für ihre Kirche zuwachsen. Eine zusätzliche, denn zur spärlichen Gottesdienstgemeinde zu gehören, war schon wichtig genug. Herr Mag. Klement ist außerdem als Organist bis zum heutigen Tag tätig. Nun sollte eine besondere Aufgabe dazukommen.

Desolate Kirchen


Während der Zeit des Kommunismus ab 1948 hatte die Kirche einen schlechten Stand, was sich auch im Zustand vieler Kirchen niederschlug. Als die Kommunisten abtraten, besuchten die nach dem Krieg vertriebenen Deutschen ihre alte Heimat. Sie fanden viele desolate Kirchen und Pfarrgebäude vor und dachten daran, diese wieder herzustellen. So wandten sie sich an den Pfarrer von Friedberg, der eine ganze Reihe von Pfarren im Grenzgebiet mitbetreute. Sie sprachen Deutsch, der Pfarrer Tschechisch. Frau Klementová und ihr Mann sprangen ein und dolmetschten. Pläne, Kostenvoranschläge, Einrichtungs-Beschreibungen, . . . – es gab viel zu übersetzen.


Etwas ist verlorengegangen

Erste Begeisterung wich dem Alltag. Doch die Kirche hat viel erneuert


„Jetzt dürfen die Leute in die Kirche, ohne gezählt zu werden.“ – Das ist eines vom ersten, was dem Ehepaar Klement auf die Frage einfällt, was sich verändert hat seit dem Ende des Kommunismus.

Frei sein, reisen können, beim Reden nicht vorsichtig sein zu müssen, Filme anschauen zu können, ohne verpflichtet zu sein . . . es hat sich vieles geändert. Auch im kirchlichen Bereich.

Früher gingen im tschechischen Grenzgebiet nur wenige Tschechen, ein paar polnische Frauen und vereinzelt andere Gastarbeiter zur Messe. Seit den ersten zaghaften Grenzöffnungen waren es vor allem Privatinitiativen und u. a. auch Pater Petrus von Vorderweißenbach, die die kirchliche Verbundenheit der Mühlviertler mit der angrenzenden tschechischen Region rund um Guglwald besonders zeigten und Kirchen füllten: Jedes Jahr kam Pater Petrus mit vielen Mühlviertlern am Tag vor dem 24. Dezember nach Heuraffl, um dort die Mette zu feiern. Für eine begrenzte Zeit wurden immer wieder Grenzöffnungen erreicht – zu Weihnachten, für Schulkinderbegegnungen, für Familientreffen. . . Am 1. Juni 1992 wurde der Grenzübergang Guglwald eröffnet. Was blieb? Irgendetwas dieser ursprünglichen Freude der neuen Verbundenheit ist verlorengegangen, lautet der Befund der beiden Familien Klement und Winkler – Kenner der Geschichte und Entwicklungen diesseits und jenseits der Grenze. Fritz Winkler sagt: „Das ist das Traurige. Es geht zunehmend nur ums Geschäft. Die Prahlerei der Österreicher, die nach der Grenzöffnung Tschechien ausverkauften, waren zudem kein Aushängeschild.

Kirchen-Alltag


Tschechiens Kirche hat nun die Sorgen der kleinen Gemeinden. Diese müssen das Erbe für die Zukunft bewahren. Durch eigene Anstrengungen, siehe die Klements, und Hilfe aus dem Ausland, konnte viel gerettet werden: St. Thomas, Vorderheuraffl, Kirchschlag, Tweras, Lagau, Schwarzbach, Honetschlag, Hinterglöckelberg, die Gutwasserkirche bei Oberplan, Stein, Friedberg und Oberplan wurden restauriert. In Friedberg und Oberplan sind die Arbeiten noch nicht abgeschlossen. Es fehlen aber Priester.
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