Vom Bemühen, nicht zu fressen und nicht gefressen zu werden
Ausgabe: 1999/27, Hössinger, Lohn, Lenzing,
06.07.1999
- Ernst Gansinger
„Wenn ein Arbeiter heute eine Familie mit drei Kindrn hat, verdient er einfach zu wenig“ beklagt Irene Krempler, Arbeiterin in der Lenzing AG, das Lohnsystem.
Mag. Claudia Hössinger, Organisationssekretärin der Katholischen Arbeitnehmer/innenbewegung“ Oberösterreichs, ist derzeit auf vierwöchigem Betriebseinsatz in der Kantine der Lenzing AG. Für die Kirchenzeitung hat sie Notizen aus Gesprächen mit ihren neuen Kolleginnen zum Thema Arbeitswelt, persönliche Erfahrungen und Erwartungen an die Kirche, niedergeschrieben. Notizen, die vor dem Hintergrund „massiven Personalabbaus trotz Gewinne am Standort“ zu sehen sind. Vor einigen Jahren waren hier in Lenzing noch 4.000 Menschen beschäftigt, jetzt sind es nur noch 2.500. In der Küche bereiten 30 Mitarbeiter/innen täglich 1400 Mahlzeiten zu.
„Ich fände es wichtig, daß jene, die ‘oben’ sind, mehr Einblick in das bekommen, wie es bei uns ‘unten’ zugeht. Ich glaube nämlich, daß die, die anschaffen und das Sagen haben, gar nicht wissen, was das für uns heißt. Z. B. wenn laufend eingespart und gekürzt wird. Mir kommt vor, daß der Unterschied zwischen Reichen und Armen immer größer wird,“ sagt Marianne Kerschberger.
„. . . wird alles im Leben immer teurer. Vor allem die gesunden Lebensmittel wie Obst und Gemüse“, stellt Irene Krempler fest, die beklagt, daß „von den kleinen Arbeitern immer nur genommen wird.“
Nicht so wichtig empfindet Gisela Zopf das Finanzielle; die Streichung des 15. Monatslohns durch das Unternehmen kann und muß sie wegstecken – „den haben andere schließlich auch nicht“. Ihr geht es darum, „daß der Mensch nicht vergessen wird. Daß man nicht übersieht, wie die Arbeiter und Arbeiterinnen das aushalten, den Druck und daß immer noch mehr verlangt wird.“ In der Arbeitswelt sei das Motto ‘fressen und gefressen werden’, „auch wenn man sich selbst bemüht, nicht so zu werden. „Heute muß es immer schnell gehen und für Gespräche, in denen es nicht um die Arbeit geht, bleibt gar keine Zeit.“
Die Alleinerzieherin Sylvia Denk spürt den Druck besonders. Von vermehrter Unterstützung für Alleinerzieherinnen, die so viele fordern, spürt sie nichts. „Im Gegenteil, bei uns in der Gemeinde ist sogar der Caritas-Kindergarten zugesperrt worden.“ Sie hofft, daß die Kirche, der der 8. Dezember schon genommen worden sei, zumindest den Sonntag verteidigen kann. „Ich finde es wichtig, daß wieder mehr auf die Familien geschaut wird.“
Was sagen Sie dazu?
Mag. Claudia Hössinger, Organisationssekretärin der Katholischen Arbeitnehmer/innen-Bewegung ist derzeit auf vierwöchigen Betriebseinsatz in der Kantine der Lenzing AG. Sie faßt im folgenden ihre Eindrücke und Motive zusammen:
Warum machten Sie den Einsatz?
Claudia Hössinger: Ich habe bei der Katholischen Arbeitnehmer/innen-Bewegung (KAB) mit Arbeiterinnen und Arbeitern nach deren Dienstschluß zu tun und bin im Austausch darüber, was sich so tut in der heutigen Arbeitswelt, wo die Sorgen und Freuden liegen. Daher ist es für mich wichtig, selbst auch wieder einmal diese ‘Basiserfahrung’ zu machen. Zuhören, Kontakte knüpfen, Eindrücke sammeln, Fragen stellen. Das hatte ich mir vorgenommen und konnte es auch tun. Daß mir das gelungen ist, verdanke ich meinen 30 Kolleginnen und Kollegen im Betriebsrestaurant der Lenzing AG.
Wie ist es Ihnen ergangen?
Hössinger: Ich bin mit Herzlichkeit und Offenheit aufgenommen worden, die ich nicht erwartet habe. Mich hat das sehr gefreut, und es hat mir vor allem den Einstieg um vieles leichter gemacht. Bei manchen Gesprächen sind wir auch auf die Kirche zu sprechen gekommen.