Die Leidenschaftlichkeit, mit der Paulus vom Leben nach dem irdischen Tod spricht, ist uns fremd. Wir lassen uns nicht mehr zu viel vorreden von Dingen, von denen niemand etwas Genaues weiß, wir lassen uns nicht mehr vertrösten auf etwas, das vielleicht doch nicht eintritt, wir lassen uns nicht mehr ablenken von unserer Beschäftigung mit dem Hier und Jetzt durch Bilder des großen Unbekannten.
Es ist gut, daß Arme, Unterdrückte, Minderheiten, Frauen, Kranke, egal in welcher Hinsicht Benachteiligte sich nicht mehr mit der Formel begnügen, daß im Himmel alles aufgewogen werden wird. Sie sprechen für sich oder haben FürsprecherInnen gefunden und fordern Hilfe und Gerechtigkeit auf Erden. Hier und jetzt wollen sie wie die Wohlhabenden, Gesunden, Angehörigen der tonangebenden Mehrheiten, Männer und egal in welcher Hinsicht Bevorzugten „etwas vom Leben haben“, die Schöpfung genießen, ihr Leben frei und selbstbestimmt gestalten. Für denjenigen, der leidet, bedeutet sein Leiden in der gegenwärtigen Zeit nicht „nichts“, auch wenn er an die Herrlichkeit des Himmels glaubt. Deshalb ist es auch unsere Aufgabe, dieses Leid zu mindern. Es ist im Sinne Christi, sich mit ganzem Herzen für Gerechtigkeit einzusetzen.
Aber das ist nur die eine Seite unseres Glaubens. Die andere, von Paulus so betonte Seite darf uns auch in unserer diesseitsorientierten Welt nicht verloren gehen. Leider hat die Kirche den Verweis auf das Jenseits oft zur Legitimierung ihres fehlenden Einsatzes gegen Mißstände mißbraucht, aber das darf nicht dazu führen, daß wir diese christliche Hoffnung ganz verwerfen.
Stellen Sie sich vor, was daraus folgen würde: Wir wären gezwungen, alles, was wir uns vorgenommen haben, zu schaffen, bevor unsere Zeit abgelaufen ist. Es läge allein an uns, Gerechtigkeit herbeizuführen. Der Tod wäre der größte, furchtbarste, sinnloseste Schrecken der Menschheit. Bei mir führt diese Vorstellung zu riesigem Streß: Alles muß ich schaffen, und zwar möglichst sofort.
Wenn wir das Hier und das erhoffte Dort gleichermaßen im Blick haben, folgt daraus: Alles, was möglich ist, werde ich schaffen, und zwar in der Zeit, die mir gegeben ist. Auch wenn wir uns in der Regel mehr mit dem Diesseits beschäftigen werden, und, was gut so ist, unsere Energien einsetzen, um das Leben aller hier zu verbessern, sollten wir uns immer wieder anstecken lassen von der Begeisterung des Apostels Paulus: Denn wir werden befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes!