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Die Epochen der Kirche

Die Kirche des 20. Jahrhunderts aus der Sicht von Reinhold Stecher
Ausgabe: 1999/27, Epochen
06.07.1999
- Reinhold Stecher
„Ich habe in meinem Leben fünf katholische Kirchen erlebt, die zum Teil so verschieden waren wie heißkalte Wechselbäder“, sagte Bischof Stecher zu seinem Abschied. Seine Gedanken leiten unsere neue Serie über die Kirche des 20. Jahrhunderts ein.

- Die erste Epoche der Kirche, die ich bewußt erlebt habe, war die vor 1938. Ich möchte sie die politisch, machtetablierte Kirche nennen. Ich habe noch einen geistlichen Bundeskanzler und geistliche Abgeordnete erlebt. Im Ständestaat bäumte sich noch einmal die tausendjährige Verbindung von Kirche und Staat auf, gutgemeint und doch von der Wirklichkeit überholt. Wir haben diese Zeit in der katholischen Jugendbewegung erlebt. Dort war alles auf Freiwilligkeit gebaut, den Druck des Staates, der bis zur Schulkommunion ging, haben wir als belastend empfunden.Was ist mir aus dieser Zeit geblieben? Die Überzeugung, daß echter Glaube einen Raum der Freiheit braucht und eine nie mehr ganz verschwindende innere Distanz zum Thema „Kirche und Macht“.

- Die nächste Kirche war die verfolgte Kirche von 1938 bis 1945. Auf einmal war schlagartig alles anders – Strukturen, Vereine, Besitz, Aktivitäten waren auf ein Minimum reduziert. Und es bagann das gefährliche Leben als bekennender Christ und das gefährliche Leben im Grauen der Schützengräben.Was mir von dieser Zeit geblieben ist? Der Einfluß der Kirche ist heute und morgen nicht auf äußere Macht gebaut, sondern auf ihre „moralische Autorität“. Wir leben in einer dieseitsverliebten Welt. Und hie und da taucht in mir die Erinnerung an die endzeitliche Kirche auf, an die Kirche des Eschaton, der nahegerückten Ewigkeit. Und schließlich blieb mir aus diese Epoche, daß jede Form des christlichen Antisemitismus zu Ende gehen muß.

- Geblieben ist mir von damals, daß die Kirche wohl grundsätzlich eine nachgehende, verstehende, zuhörende, Schicksale teilende, argumentierende und überzeugende sein wollte, eine warmherzige und barmherzige Kirche. Diese Sehnsucht ist mir und vielen anderen geblieben.

- Die nächste Kirche war die des Konzils. Wieder ein historischer Aufbruch, der ganz neue Visionen brachte. Vieles davon war in den Hörsälen der Theologischen Fakultät Innsbruck schon längst vorbereitet worden, mit J. A. Jungmann und den Gebrüdern Karl und Hugo Rahner.Was ist mir geblieben? Die offene Kirche und die Kirche des Miteinander, das Ende der nur-klerikalen Kirche und der Beginn einer Kirche, die mit neuen Augen auf andere christliche Gemeinschaften und auf die Weltreligionen schaute. Und eines habe ich mir vorgenommen: Ich laß mir die Fenster, die Papst Johannes XXIII. aufgemacht hat, von niemandem mehr zuschlagen.

- Die fünfte Epoche ist die der nachkonziliaren Zeit bis heute. Eine nicht ganz einfache Kirche. Das manchmal schlecht verdaute Konzil hat auch Polarisierungen gebracht – solche progressiver Art und solche traditionalistischer Art. Es gab Ängste und Entfremdungen, Spannungen und Machtverschiebungen bis zu fast fundamentalistischen Erscheinungen. Und zwischendrin eine breite Mitte engagierter Christen, die Gemeinden, Aktivitäten, Bewegungen aufbauten. Es war und ist eine zum Teil belastende Epoche, eine Zeit der Krise, und gerade deswegen auch eine Zeit, in der deutlicher und nachhaltiger hinterfragt wurde und wird: Was hat er, Jesus Christus, gewollt?


Spurensuche im 20. Jahrhundert

Mit dieser Ausgabe startet die Kirchenzeitung eine neue Serie. In den kommenden zehn Wochen wird versucht, Entwicklungen nachzugehen, die von 1900 bis 1999 die Kirche geprägt haben. Ergänzt werden die Beiträge mit Porträts von Frauen und Männern, die „typisch“ für diese 99 Jahre sind, aber oft nicht als Teil dieser Geschichte verstanden werden. Der Kommentar der Autorinnen und Autoren über ihre Erfahrung mit dem 20. Jahrhundert wird dem Rückblick eine ganz persönliche Note geben.Aus der Fülle für einen Jahrhundertrückblick hat die Redaktion folgende Themen ausgewählt:
Der Vatikanexperte Hansjakob Stehle beschreibt die Päpst aus römischer Sicht, und der Missionstheologe Walbert Bühlmann, zeichnet den Weg zur Weltkirche nach.Wie sehr sich im Jahrhundert der Weltkriege die Stellung der Kirche zum Krieg geändert hat, analysiert Wilhelm Achleitner. Die langjährige Osteuropajournalistin Diethild Treffert geht der Frage nach, wie Kirche und Kommunismus zueinander standen.

Das Leben der Kirche war geprägt von der Rückkehr zur Bibel, meint der Neutestamentler Michael Ernst; die Ökumenikerin Anne Jensen beschreibt das Miteinander der Christen; und der Jesuit Johannes Schasching geht der Entwicklung der sozialen Frage nach.

Die diözesane Frauenbeauftragte Gabriele Kienesberger (Linz) analysiert eine der offenen Fragen: die Rolle der Frauen in der Kirche. Und den Aufbruch der Laien, der vieles in Bewegung gesetzt hat, zeichnet Eva Petrik nach. Wie sich dabei das Christusbild im 20. Jahrhundert gewandelt hat, beschreibt Günter Rombold.
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