Im Kosovo schweigen die Waffen - Der Weg der Versöhnung ist noch weit
Ausgabe: 1999/27, Kosovo
06.07.1999
- Hans Baumgartner
„Ohne Versöhnung und Gerechtigkeit wird es im Kosovo und auf dem Balkan keinen Frieden geben“, sagt Karl Kumpfmüller von Pax Christi International. Die Kirche Österreichs ruft er auf, sich mehr für die konkrete Friedensarbeit einzusetzen.
„Die NATO hat den Krieg gewonnen, ob sie auch den Frieden gewinnt, ist noch offen“, stand vor kurzem in einem Zeitungskommentar. Für Karl Kumpfmüller, Leiter des Grazer Friedensbüros und Präsidiumsmitglied von Pax Christi International, war dieser Krieg ein völlig untaugliches Mittel, um das anhaltende Unrecht im Kosovo zu beseitigen. „Dadurch sind neue Wunden aufgerissen und bestehende Gräben vertieft worden, wie die jeden Tag neu entdeckten Massengräber und die anhaltenden Racheakte zeigen.“ Wenn die NATO jetzt ihren Sieg über Milosevic feiere, sei er, so Kumpfmüller, sehr skeptisch. „Die Erfahrung zeigt, daß sich der Friede nicht durch die Präsenz von Waffen und Soldaten sichern läßt. Dabei gibt es immer wieder neues Unrecht und neue Opfer, die mit Gewalt antworten. Wir sehen das in Zypern ebenso wie im palästinensisch-israelischen Konflikt oder in Nordirland. Wahrer Friede, auch im ethisch-religiösen Sinn, kommt nur durch Versöhnung, durch Ausgleich und Gerechtigkeit.“
Das Kapital der Religionen
In der Versöhnungsarbeit setzt Kumpfmüller große Hoffnungen auf die Kirchen und Religionsgemeinschaften, auf Menschenrechtsbewegungen auf beiden Seiten und auf konkrete Friedensprojekte vor Ort. „Wir müssen rasch dort wieder anknüpfen, was es schon vor den Krieg gegeben hat“, meint Kumpfmüller und fordert dafür ein wesentlich stärkeres Engagement der Staaten und der Kirchen Europas für diese Projekte des Wiederaufbaus.
- „Trotz des Krieges“, so Kumpfmüller, „besteht immer noch eine relativ gute Gesprächsbasis zwischen hohen Repräsentanten der katholischen und orthodoxen Kirche und den Muslimen. Dieses große Kapital müßte jetzt – auch durch Unterstützung von außen – eingesetzt werden. Ich hoffe, daß möglichst viele Christen und Muslime erkennen, daß es in dieser Stunde ihre Berufung ist, sich aus ihrem Glauben heraus für die Versöhnung zu engagieren.“ Die Diözese Graz und das Grazer Friedensbüro unterstützen dieses Anliegen, indem sie für 2003 in Graz eine Friedenskonferenz der Religionen für Südosteuropa vorbereiten. „Damit wollen wir ab sofort den Prozeß des gemeinsamen Gespräches, der Verständigung und des Engagements beschleunigen.“
- Als zweite Schiene der Versöhnungs- und Friedensarbeit sieht Kumpfmüller die Auseinandersetzung mit den „furchtbaren Greueltaten auf beiden Seiten, mit der blutigen Verstrickung in Schuld“. Dazu sei, so Kumpfmüller, Vermittlung von außen, etwa durch Experten des Versöhnungsbundes oder von Pax Christi, notwendig. „Versöhnung ist nur möglich, wenn die Verbrechen offengelegt und die Täter beim Namen genannt werden“, ist Kumpfmüller überzeugt. „Wo wirklich Aussöhnung geschenen soll, muß Schuld eingestanden werden. Der ideale Weg wäre es, wenn beide Volksgruppen die eigenen Menschenrechtsverletzungen dokumentieren und diese Berichte austauschen. In Belgrad gibt es z. B. eine Menschenrechtsgruppe, die seit Jahren die serbischen Übergriffe im Kosovo dokumentiert. So etwas müßte nun auch von den Albanern kommen.“
Versöhnung von unten
Die herkömmliche Art sei es, die Schuld beim anderen zu suchen. Das ist der Weg der Aufrechnung. Der christliche Weg der Versöhnung wäre es, die eigene Schuld einzubekennen. Die gerichtliche Verfolgung der Täter sei nicht Aufgabe dieser Gruppen. Darum sollte sich u. a. der Haager Gerichtshof kümmern. Dieser Weg der Versöhnungsarbeit ist nicht bloß Utopie, meint Kumpfmüller. „Ich kenne in Sarajevo einige Gruppen, die auf diese Art hervorragende Arbeit leisten.“
- „Wirkliche Versöhnungsarbeit“, so Kumpfmüller, „kommt fast immer von unten. Das war bei der polnisch-deutschen Aussöhnung ebenso wie in Nordirland oder in Israel. Erst wenn der Friede in den Köpfen und Herzen der Menschen zu wachsen beginnt, bewegt sich auch die Politik.“ Deshalb sei es unbedingt notwendig, daß jene Gruppen, die seit Jahren im Kosovo Friedensarbeit leisteten, wieder zurückgehen. Dazu aber brauchen sie die Unterstützung der Staaten und der Kirchen. Friedensdienste müßten aufgewertet und die Leute entsprechend ausgebildet werden. An die Kirche Österreichs appelliert Kumpfmüller, die Budgetkürzungen für Pax Christi zurückzunehmen und im Kosovo nicht nur humanitäre Hilfe zu leisten, sondern auch offensiv in die Friedensarbeit einzusteigen.Zur Sache
Neue Ordnung für Europa
Der von der EU und den G7-Ländern beschlossene Stabilitätspakt für den Balkan, sei ein wichtiger Baustein für den Frieden in dieser Region, meint Karl Kumpfmüller vom Grazer Friedensbüro. Ein weiterer wichtiger Schritt sei der Beschluß, die UCK zu entwaffnen. Kumpfmüller sieht darin aber erst einen Beginn.
Eine massive Wirtschaftshilfe für den Wiederaufbau, aber auch für den Neustart der Wirtschaft in den umliegenden Ländern sei ein wichtiger Schritt zum Frieden, meint Kumpfmüller. Dieses Ziel dürfe aber nicht dadurch verspielt werden, daß man Serbien von dieser Hilfe ausschließt, solange Milosevic regiert. Dadurch würde nur die Saat für neuen, unheilvollen Nationalismus gelegt. Man müsse eben Wege finden, der Bevölkerung Serbiens zu helfen, ohne Milosevic dabei zu unterstützen. Um nachhaltig der Wirtschaft und damit auch der Demokratie in diesen Ländern auf die Sprünge zu helfen, müßten aber auch die Rahmenbedingungen geändert werden, ist Kumpfmüller überzeugt. „Wir brauchen eine neue Wirtschaftsphilosophie, die diesen Krisenländern eine Chance gibt aufzuholen. Nur mit den neoliberalen Marktgesetzen allein wird das nicht gehen. Politisch müßte die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) viel stärker ins Spiel gebracht werden. „Wenn Europa zu einer Friedensordnung kommen will, auch im Hinblick auf mögliche neue Konflikte, kann das nur mit der Einbindung Rußlands geschehen. Die OSZE wäre ein Forum, das alle 55 Länder Europas in die Verantwortung für den Frieden im Süden und Osten des Kontinents nimmt.