Kardinal VInko Puljic aus Sarajevo: Die Menschen suchen Halt bei Gott
Ausgabe: 1999/27, Puljic
06.07.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Häuserschlachten, Sirenen, weite Teile der Stadt in Flammen: 1992 begann in Sarajevo der Krieg. In dieser Situation erwies sich Erzbischof Puljic als Hoffnungsträger. Im Interview mit der Kirchenzeitung spricht er über den Krieg und seine Folgen.
Welche Auswirkungen hat der Krieg am Balkan auf die Diözese Sarajevo?
Puljic: Die Weltöffentlichkeit richtet derzeit ihre Aufmerksamkeit sehr stark auf den Kosovo. So entsteht der Eindruck, daß in Bosnien alles in Ordnung wäre. So ist es aber nicht. Zur Zeit kommen viele, die während des Krieges Bosnien verlassen haben, in ihre Heimat zurück. Diese Rückkehr wird durch Flüchtlinge aus dem Kosovo erheblich erschwert. Außerdem hat der Kosovo-Konflikt die ohnedies großen Spannungen zwischen den einzelnen Volksgruppen und Völkern auf dem Balkan weiter verschärft, was auch den Heilungsprozeß bereits früher entstandener Kriegswunden verlangsamt.
Multiethnische Schulen
Worin bestehen diese Kriegswunden in Bosnien?
Puljic: Vielleicht können einige Zahlen helfen, das ganze Ausmaß der Zerstörung vor Augen zu führen. In der Erzdiözese Sarajevo sind von 528.000 Katholiken 208.000 Katholiken geblieben. 33 Pfarren sind total vernichtet. Rund 600 kirchliche Objekte sind zum Teil oder völlig zerstört. Viele Menschen sind durch den Krieg psychisch vollkommen traumatisiert. Erschwert wird die Situation, weil die Wirtschaft am Boden liegt und vielen Menschen dadurch die Lebensgrundlagen entzogen wurde. Wir leben eigentlich von den Spenden anderer.
Was kann die Kirche tun, um die Kriegswunden zu heilen?
Puljic: Unter den vielen Möglichkeiten, möchte ich zwei hervorheben: Zum einen versuchen wir unablässig, den Menschen Hoffnung zu geben. Zum anderen bemühen wir uns, Jugendliche im Sinne gegenseitiger Toleranz zu erziehen. Konkret bedeutet das, daß wir private katholische Schulen multiethnisch führen.
Und wie gestalten sich angesichts dieser Situation die Beziehungen zwischen den Kirchen und Religionen?
Puljic: Die Beziehungen hängen sehr stark davon ab, wie sich die politischen Machtverhältnisse gestalten. Unabhängig davon versuchen wir miteinander im Gespräch zu bleiben. Den Anlaß dazu bieten z. B. Feste und Feiern der verschiedenen Kirchen und Religionsgemeinschaften. Tiefe theologische Gespräche pflegen wir zur Zeit nicht.
Wie hat sich der Glaube derKatholikinnen und Katholiken durch den Krieg verändert?
Puljic: Die Menschen spüren eine Unsicherheit im Leben und suchen Halt bei Gott. Sicher ist, daß sie heute mehr beten als früher.
Und wie ist das bei Ihnen?
Puljic: Es ist nicht möglich, einen Kreuzweg zu gehen, ohne dabei zu reifen. Ich habe in diesem Sinne den Krieg erlebt.
Solidarität der Kirchen
Sie sind als Kardinal einer der höchsten Amtsträger der katholischen Kirche. Haben Sie in der Situation des Krieges die katholische Kirche tatsächlich als umfassend solidarisch erlebt?
Puljic: Einige Kirchen Europas waren sehr solidarisch, andere wiederum haben diese kaum gezeigt. Wir haben erlebt, daß sich einige, wenn sie nach Bosnien kommen, lieber an die Orthodoxen und Moslems wenden als an uns. Wahrscheinlich deshalb, um ökumenisch zu wirken, aber sie umgehen dabei die Katholiken. Die Kirche Österreichs war in caritativem Sinne die erste, die uns geholfen hat.
Die serbisch-orthodoxen Bischöfe haben sich entschieden gegen NATO-Angriffe ausgesprochen. Wie beurteilen Sie die Politik des Westens?
Puljic: Eigentlich ist es ganz normal, daß die Bischöfe so reagieren, denn sie können ihre Stimme nicht gegen das eigene Volk erheben. Mich schmerzen diese Vorfälle an der Schwelle zum dritten Jahrtausend sehr. Aber ich glaube, daß der Westen früher hätte handeln müssen. Dann wäre es nicht zu dieser Katastrophe gekommen.