Das lange Ringen um Gleichberechtigung in Kirch eund Gesellschaft
Ausgabe: 1999/28, Frauen
13.07.1999
- Gabriele Kienesberger
Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Frauenemanzipation. Das gilt nicht nur für die politische und gesellschaftliche Entwicklung, sondern auch für die religiöse Frauenbewegung.
Die Anfänge
In Wien wurden bis 1901 sechzig behördlich genehmigte spezifische Frauenvereine gegründet, die mehrheitlich religiösen oder karitativen Charakter hatten. Wohltätigkeit war die einzige von Männern akzeptierte Teilnahme der Frauen an der Öffentlichkeit. Die „Frauenfrage“ stellte sich als soziale Frage dar, prekär war vor allem die Lage der Arbeiterinnen, der Hausgehilfinnen und Dienstbotinnen.
Das Frauenstimmrecht
Das Frauenstimmrecht war weder Ziel noch Thema der konfessionellen Frauenbewegung. Zum einen lag dies im vertretenen Frauenbild, zum anderen am gängigen Politikbegriff: sie wollten die „Arbeitsteilung“ der Geschlechter nicht aufheben, sondern neu organisieren, um dadurch die ungleiche Machtverteilung zu überwinden. Der 1. Katholische Frauentag 1910 bot einem erklärten Gegner des Frauenstimmrechts ein Forum, die altbekannten Argumente von der mütterlichen Natur der Frau, der göttlichen Ordnung und dem drohenden Verlust der Weiblichkeit vorzubringen. Die damals vorherrschende „katholische“ Meinung belegt ein Ausspruch Papst Pius X. 1906 bei einer Privataudienz gegenüber der Wienerin K. Theimer: „Die Frau in den Parlamenten, das fehlte gerade noch! Gott bewahre uns vor dem politischen Feminismus!“ Erst am 3. November 1918 kam es zu einer Wahlrechtsversammlung, an der alle Frauenorganisationen, auch die christlichen, teilnahmen.
Ernüchterung
1907 wurde unter Führung von Melanie Zichy-Metternich die Katholische Frauenorganisation (KFO) gegründet . Unter maßgeblicher Beteiligung der ersten Generation katholischer Akademikerinnen entwickelte sich die KFO-Wien zu einem demokratischen Frauenverein, der sich weitgehend von der typischen Doppelbindung an Klerus und Adel befreit hatte. Die Wiener KFO verstand sich als Solidar- und Protestbewegung, deren Ziel es war, Frauenkulturräume und Frauenöffentlichkeit zu schaffen. Sie unterschied sich in vielem von den KFO-Landesorganisationen, die in bäuerlicher Umgebung und in enger Bindung an den Klerus vor allem Sozialarbeit und Seelsorge leisteten. Wie eng Reaktion und Widerstand auch bei der Wiener KFO nebeneinander standen, zeigte die Euphorie, mit der die Zerstörung der parlamentarischen Demokratie begrüßt wurde: „Endlich vom Parlament erlöst“, lautete der Kommentar im Vereinsorgan „Frauenbriefe“ im Mai 1933. Die Hoffnungen auf gerechte Mitarbeit im Ständestaat durch Errichtung einer Hauswirtschaftskammer wichen bald der Ernüchterung: Von den 170 Vertretern in den austrofaschistischen Körperschaften waren nur zwei Frauen. In Folge übte die KFO heftige Kritik am frauendiskriminierenden austrofaschistischen System. Die Reaktion der Amtskirche war die Zerschlagung des Vereins.
Ein Neubeginn
1948 kam es zur Gründung der Katholischen Frauenbewegung Österreichs als Gliederung der Katholischen Aktion. Heute ist sie mit über 200.000 Mitgliedern die größte Frauenorganisation Österreichs. In ihren Leitlinien gibt es ein deutliches Bekenntnis zur Frauensolidarität, zu Gleichberechtigung von Frau und Mann, Partnerschaftlichkeit in Beruf, Gesellschaft und Familie sowie die Befürwortung feministisch-theologischer Forschung.
Frauen- und Amtsfrage
Vom obersten kirchlichen Lehramt ist eine – theoretische – Aufwertung der Frauen erst unter Papst Johannes XXIII. erfolgt, der die Teilhabe der Frauen an Berufswelt und öffentlichem Leben und die Anerkennung ihrer menschlichen Gleichwertigkeit einforderte. Das II. Vatikanische Konzil (1962–65) hat in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute (Gaudium et spes) bedauert, daß Frauen nach wie vor Grundrechte wie freie Wahl des Lebensstandes und Zugang zu Bildung und Kultur verweigert werden. Die Aussagen des Konzils nährten damals die Aussicht auf eine tatsächliche Gleichberechtigung der Frauen – auch in der Kirche. Die Öffnung des Diakonats schien nahe und die schrittweise Entwicklung zum Priesteramt für Frauen wurde als eine Frage der Zeit angesehen. Die weltbekannte Konzilseingabe der Schweizer Juristin Gertrud Heinzelmann vom Mai 1962 war ein wesentlicher Beitrag in dieser Aufbruchstimmung. Sie zeigte auf, wie sehr die Lehren des Thomas von Aquin die Frau in ihrer Geistigkeit und Menschenwürde auf das schwerste verletzen und forderte eine Neudefinition des Frauenbildes in der kirchlichen Lehre. Als natürliche Folge dieser Revision sah sie die Öffnung des Priesteramtes für Frauen.
Zweite Frauenbewegung
Paul VI. hat durch seine Erlässe und Entscheide manche Hoffnungen der Konzilszeit zunichte gemacht. Mit der „Erklärung zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt“ (1976) wurde die Entwicklung der Frauenrechte in der Kirche blockiert. Seine als „antifeministisch“ bezeichnete Linie hat Papst Johannes Paul II. verschärft fortgesetzt. Durch den wachsenden Zugang von Frauen zum Theologiestudium etablierte sich seit Anfang der 60er Jahre die eigenständige feministische Theologie. Feministisch-theologische Netz-werke sind seit den 70er Jahren weltweit – im Zug der „Zweiten Frauenbewegung“ – entstanden. In Linz versammelte sich 1986 eine Gruppe von 40 Frauen zum ersten feministisch-theologischen Netzwerktreffen. 1989 wurde das Österreichische Frauenforum Feministische Theologie als ökumenische Plattform für religiös und feministisch interessierte Frauen gegründet.Die evangelischen Kirchen, die altkatholische und die anglikanische Kirche können auf strukturelle Gleichstellung von Frauen in diesem Jahrhundert verweisen. Dürfen/müssen die römisch-katholischen Frauen auf das 21. Jahrhundert hoffen?
Zeitzeugen berichten
Frauen im Chor als Ausnahme Maria Dauser
Die kirchenrechtliche Verordnung aus dem Jahre 1917, daß Frauen nur ausnahmsweise die Musik besorgen und dabei vom Volk nicht gesehen werden sollen (c. 1264 § 2), hinderte die heute achtzigjährige Maria Dauser nicht an ihrer 46jährigen Tätigkeit als Solistin im Ebenseer Kirchenchor.„Mit neun Jahren war ich beim Kinderchor und mit vierzehn durfte ich endlich zum Kirchenchor. Da war ich mit Leib und Seele dabei.“ Eine professionelle Gesangsausbildung war zur damaligen Zeit für Maria Dauser nicht möglich. Als Förderer ihres Talents nennt sie Pfarrer Giesriegl, der als junger engagierter Seelsorger die „Seeschwalben“, den Chor der marianischen Mädchenkongregation in Ebensee, gründete. „Das war gar nicht allen recht, denn das Kirchenchorgeschehen war zunächst fest in den Händen einer angesehenen Familie. Pfarrer Giesriegl hat mit seinen Neuerungen einige Unruhe in die Pfarre gebracht. So, wie halt Neues immer Unruhe bringt, das war damals nicht anders als heute“, sagt sie augenzwinkernd.Die Kriegsjahre hat Maria Dauser als Haushaltshilfe bei einem Wiener Geschäftsehepaar verbracht. „Die Wienjahre waren schon hart. Die Bombardements und das Heimweh. Durch die Vermittlung meiner Herrschaft habe ich im Chor im Stephansdom singen dürfen. Das war für mich, als Frau von einfacher Herkunft etwas Besonderes.“
Bei die Erstellung ihrer Beiträge wurde G. Kienesberger von der Theologin und Historikerin Maga Renate Mercsanits beraten.
Gerechtigkeit und Versöhnung
In eine nachkonziliare Kirche des Aufbruchs hineingewachsen, waren für mich Frauen in liturgischen und lehrenden Tätigkeiten bald selbstverständlich. Religionslehrerin und Jugendkaplan halfen meinem Kinderglauben in der Auseinandersetzung mit der Person Jesu zu reifen. Jugendgottesdienste förderten meinen Glauben an eine offene Kirche. „Jesus Christ Superstar“ war einer der seltenen Anlässe für ein Landmädchen ins Kino zu gehen. Bei Jungschargottesdiensten war klar, daß Mädchen im Altarraum aktiv sind, und meine ersten Predigtversuche als Firmgruppenleiterin wurden mit Applaus der GottesdienstbesucherInnen belohnt. Doch das Theologiestudium machte mir Anfang der achtziger Jahre klar, daß das Kirchenrecht, auch nach seiner Reform 1983, keine Fortschritte für die Rechte von Frauen vorsieht.
Erst feministische Theologie und Begegnungen in der ökumenischen Frauenbewegung beflügelten mein Engagement für Frauenrechte in Kirche und Gesellschaft. Für mich waren die Erste Europä- ische Frauensynode 1996 in Gmunden und das Frauenzentrum bei der Ökumenischen Versammlung 1997 in Graz Manifestationen der ökumenischen Frauenkirche. Konfessionsunterschiede sind bei diesem Miteinander auf dem Weg sein nicht Barriere, sondern Bereicherung. Das Motto der Frauendemonstration in Graz „Gerechtigkeit vor Versöhnung“ ist nach wie vor als Herausforderung an die Kirchenmänner zu verstehen!