Auch wenn es oft anders behauptet wird: Der Jahrtausendwende sehen die meisten Menschen eher gelassen entgegen. Nach dem „Mythos der Zahl” fragten Experten bei der ersten Ökumenischen Sommerakademie im Stift Kremsmünster.
„Wenn wir nervös mit dem Ende der Zeit umgehen, zeigt das die Nervosität der Gesellschaft insgesamt an; und wenn wir gelassen darauf zugehen, zeigt das die Gelassenheit und die Reife dieser Gesellschaft“, betont der Religionswissenschafter Prof. Karl E. Grötzinger aus Potsdam.Die Nervosität scheint sich in Grenzen zu halten, waren die Fachleute der erstmals vom ORF, der Theologischen Hochschule Linz, der Evangelischen Kirche und von der Kirchenzeitung vom 14. bis 16. Juli 1999 durchgeführten Sommerakademie im Stift Kremsmünster einig.
Das Weltdorf feiert Silvester
Dennoch: Ein „Mega-Event“ bedeutet die Jahrtausendwende allemal, wenn die ganze Welt wie in einem einzigen großen Dorf Silvester feiert. Und auch Ängste sind da. Auch das Christentum zählt zu ihren heiligen Büchern apokalyptische Schriften, die vom Ende der Zeit handeln. Die „Offenbarung des Johannes“ gehört dazu. Allerdings: Es ist gefährlich, wenn diese apokalyptischen Schriften, die von Menschen in höchster Bedrohung geschrieben wurden, die sich auch ihre Hassgefühle von der Seele schreiben, plötzlich in die Hand von Mächtigen gelangen“, sind sich Prof. Hartmut Raguse aus Basel und der Linzer Professor für Neues Testament, Dr. Christoph Niemand einig. Für Prof. Niemand kommt gerade in der Offenbarung zum Ausdruck: „Die Zeit des Hasses ist begrenzt; Gott sorgt dafür, daß die Gefährdung die Kraft und den Mut der Seinen nicht übersteigt“. Ein trotz allem verbreitetes Weltuntergangsgefühl entspricht wohl eher einem Grundgefühl unserer Zeit insgesamt, vermutet der Leiter der Evangelischen Akademie Bad Seegeberg in Deutschland. Viele Menschen lebten im Grundgefühl, es bliebe nicht mehr viel Zeit, und so gut wie bisher werde es nicht weitergehen. Er stellt eine Art „postmoderne Verspieltheit selbst im Umgang mit dem Ende der Zeit“ fest. Für sich persönlich sagt er, „daß ich sehr viel besser mit dem Vertrauen leben kann als mit der Spekulation“, wie sie etwa in verschiedenen Endzeitberechnungen zum Ausdruck kommt. Verspieltheit im Umgang mit der Zeit, trifft auch für Jugendliche zu. Allerdings: während Jugendliche im Bezug auf die persönlichen Lebenserwartung heute sehr optimistisch sind, herrscht bei ihnen große Skepsis, was die Zukunft der Welt insgesamt betrifft, betonte die Linzer Religionspädagogin Dr. Ilse Kögler. Der Innsbrucker Dogmatiker Dr. Jozéf Niewiadomski sieht im „Traum von der Perfektionierung des Menschen“, wie sie zur Zeit propagiert wird, die Gefahr, daß dabei gerade die Opfer übersehen werden. In diesem Traum oder in dieser Art Religion glaubt man letztlich nur mehr an den technischen Fortschritt – und fürchtet sich ständig vor der Apokalypse, meint Niewiadomski. Er sprach vom „Mehrwert“ des Christusglaubens – dem Grund zur Hoffnung. Schulden wirklich zu vergeben, sie wirklich nachzulassen statt Schuld zu verdrängen, stünde dem Menschen am Ende des Jahrtausends besser an. Der Evangelische Bischof Dr. Herwig Sturm ermunterte Christen, sich von den Feiern zur Jahrtausendwende nicht auszuschließen. Kirchen sollten offen sein, Menschen sollten bereit stehen. Der griechisch-orthodoxe Metropolit Staikos würdigte namens des Ökumenischen Rates der christlichen Kirchen die Initiative. Die Akademie soll nun jährlich in Kremsmünster stattfinden.