Wer kennt nicht eines der zahllosen Märchen, in denen eine gute Fee oder ein Dschini einem Menschen einen oder drei Wünsche freistellt? Meist haben die Beglückten aber gar nichts von ihrem Glück, weil sie sich beim Wünschen so ungeschickt anstellen. Entweder antworten sie zu unüberlegt und übersehen dabei die Konsequenzen ihrer Träume, oder sie überlegen zu lange und es kommen ihnen unbeabsichtigte „Wünsche“ im Stil von „Ach, wenn’s bloß nicht so heiß wäre“ über die Lippen, und schon haben sie ein Resultat am Thermometer, auf das sie leicht hätten verzichten können. Die Moral ist immer dieselbe: Träum nicht vom Lotto-Sechser, sondern haushalte mit dem, was du hast, und verdiene dir so zwar ein kleines, aber haltbares Glück; das „große“ Glück ist oft noch schneller zerronnen als gewonnen.
König Salomo weiß diese Chance besser zu nutzen als die Menschlein in den Märchen. Zuerst betrachtet er seine konkrete Lebenssituation: Er ist jung, und er ist König des Volkes Israel. Daraus resultieren Verantwortlichkeiten und Pflichten, denen er sich nicht gewachsen fühlt. Nicht Geld oder unbeschränkte Macht oder ein langes Leben können ihn in dieser Situation zufrieden werden lassen; was er braucht, das ist Klugheit, das ist die Fähigkeit der rechten Unterscheidung und Entscheidung. Und wer sollte ihm auf diesem Weg des Regierens und Richtens denn Halt und Richtung sein, wenn nicht Gott? So wünscht sich Salomo, was er braucht: ein hörendes Herz.
Stellen Sie sich vor: Nachts im Traum erscheint Ihnen der Herr und fordert Sie auf: Sprich eine Bitte aus, die ich dir gewähren soll.
Was fällt Ihnen ein? . . .
Jetzt versuchen Sie es noch einmal, und zwar so wie Salomo: Nehmen Sie Ihre konkrete Lebenssituation in den Blick: Welche Aufgaben habe ich zu erfüllen, welche Verantwortungen zu tragen, was belastet mich, wie kann ich mir und meiner Umwelt gerecht werden, wie kann ich zufrieden werden? Ich bin kein König/keine Königin, vielleicht nicht einmal PfarrgemeinderätIn, aber auch ich muß wissen, wie ich mich verhalten soll, ich muß das Richtige vom Falschen trennen, ich muß für mein Leben und oft auch für das anderer wichtige Entscheidungen treffen. Wenn mir das gelingt, erhalten meine Tage Sinn und Wert. Lieblosigkeit, Unfriede, Unzufriedenheit sind die Folge, wenn mir die Gestaltung meines Lebens nicht gelingt. Ist das, was ich dafür brauche, mehr als alles andere, nicht dasselbe wie für König Salomo: Halt und Richtung in Gott – ein hörendes Herz?
Bernadette Rieder, Germanistin und Theologin, derzeit Forschungsarbeit über deutsch-sprachige Literatur in Israel, lebt in Innsbruck.