Das 20. Jahrhundert – Die Mehrheit der Kirche ist im Süden
1970 lebten erstmal 51,86 Prozent der Katholiken in der Dritten Welt
Ausgabe: 1999/29, Mehrheit, Süden, Kirche, Dritte Welt
20.07.1999
- Walter Achleitner
Zu Beginn dieses Jahrhunderts lebten noch 85 Prozent der Christen in der „Ersten Welt“. Die wachsende Kirche des Südens führt dazu, daß die Westkirche immer stärker zur Weltkirche wird.
Am Ende der Bischofssynode 1974 über die „Evangelisierung in der Welt von heute“ hat Papst Paul VI. allen Teilnehmern beim Abschied eine Sonderausgabe der Apostelgeschichte in die Hand gedrückt. Er wollte damit sagen, daß jener kirchliche Lagebricht noch von Bedeutung sei und daß derselbe Heilige Geist heute noch seine Kirche leite. Ich würde noch weitergehen und meinen, daß man für jedes Jahrhundert eine Art Apostelgeschichte schreiben könnte, daß aber die „Apostelgeschichte des 20. Jahrhunderts“ jener des ersten wohl am meisten ähneln würde, sowohl was die rapide Ausbreitung des Christentums betrifft, wie bezüglich der Spannungen in der Kirche: damals beim Übergang von der Judenkirche zur Heidenkirche, heute beim Übergang von der Westkirche zur Weltkirche.
1970: das Schwergewicht verlagert
Zu Beginn dieses Jahrhunderts lebten noch 85 Prozent der Christen in Europa und Nordamerika; von 100 Katholiken lebten 77 in der westlichen Welt. Doch diese historische Lage hat sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert. Infolge der Geburtenexplosion und neuer Bekehrungen in Lateinamerika, Afrika und Ozeanien verlagerte sich 1970 das Schwergewicht der katholischen Kirche mit 51,86 Prozent plötzlich in die südliche Halbkugel.Aufrgund dieses Trends habe ich damals vorausgesagt, daß zum Jahr 2000 rund 70% der Katholiken in der südlichen Hemisphäre leben werden. Zwar liegt das Statistische Jahrbuch des Vatikans für 1999 noch nicht vor, aber aufgrund der Daten von 1997 werden um die Jahrtausendwende 66 von 100 Katholiken im Süden leben.Darum kann man sagen: Im ersten Jahrtausend stand die erste Kirche – die Ostkirche – mit Byzanz im Zentrum. Als zweite Kirche folgte im nächsten Jahrtausend die Westkirche mit Rom als ihren Mittelpunkt. Im kommenden Jahrtausend wird die dritte Kirche – die Südkirche – statistisch und wahrscheinlich auch bezüglich der von ihr ausgehenden Impulse und Inspirationen tonangebend sein. Zusammen ergeben diese drei Kirchen die eine Weltkirche.
Auf dem Weg zur Weltkirche
Zwei Päpste haben diese statistische Entwicklung zwar nicht verursacht, wohl aber zeichenhaft bewußt gemacht. Johannes XXIII. hat mit dem II. Vatikanischen Konzil erstmals das Konzil der Weltkirche einberufen. Denn die ersten acht Konzile fanden alle im Osten statt mit wenigen Gastbischöfen aus dem Westen. Alle anderen im Westen, ohne Gastbischöfe aus dem Osten, mit Ausnahme eben dieses letzten, wo alle Kontinente mit einheimischen Bischöfen vertreten waren.Unter Paul VI. wurde die Weihe von Bischöfen und die Ernennung von Kardinälen aus den südlichen Kontinenten vorangetrieben, so daß heute in Asien rund 95 Prozent, in Afrika drei von vier Bischöfen Landesgeborene sind. Und seit der erste Papst, Petrus, nach Rom kam, hatte keiner seiner Nachfolger je Europa verlassen. Aber Giovanni Montini hat gleich auf Anhieb alle sechs Kontinente besucht, um ein Zeichen dafür zu setzen, daß nun Kirche wirklich eine Kirche der sechs Kontinente geworden ist. Auf diesem Weg war ihnen Papst Pius XI. (1922 bis 1939) vorausgegangen, der nach fast 2000 Jahren erstmals 1923 einen Inder zum Bischof ernannte. 1926 folgten sechs Chinesen und ein Jahr später der erste Japaner auf einen Bischofsstuhl.
Nun stellt der Süden die heißen Fragen
Während im ersten Jahrtausend „katholische Kirche“ den Verband aller christlichen Kirchen bedeutete, wobei der Bischof von Rom als Patriarch des Westens einen gewissen Vorsitz führte, hat man im zweiten Jahrtausend nach der Kirchenspaltung von 1054 die Ostkirche im Westen völlig ignoriert. Von da an wurde die römisch-katholische Kirche mit Weltkirche identifiziert und ihr mit der Unfehlbarkeit und der Universalgewalt des Papstes im I. Vatikanischen Konzil (1870) eine starke Zentralgewalt gegeben. Zum Ausgang dieses Jahrtausends haben die Bischöfe im II. Vatikanischen Konzil diesen Zentralismus relativiert, indem sie die Bischöfe und Ortskirchen stärker betonten. Diese dürfen und sollen auf Pfarr- und Diözesan-, Landes- und Kontinentalebene ihre Eigenart und Eigenfunktion haben. Spürbar wurde dieses Selbstbewußtsein erstmals 1974 in der Synode über die Evangelisierung in der Welt von heute.So eindeutig, wie das Konzil noch von Bischöfen und Theologen der West-Kirche gemacht wurde, ebenso eindeutig haben nur zehn Jahre später Bischöfe und Theologen der „Dritten Welt“ die Führung übernommen. Sie haben die heißen Fragen vorgelegt, die in das päpstliche Schreiben „Evangelii nuntiandi“ eingegangen sind.
Heilige der Mystik und der Lebensfreude
Auf theologischer Ebene hat das konkrete Formen angenommen. Neben der europäischen Theologie, die zuvor in allen Kontinenten konsumiert wurde, ist in Lateinamerika eine glücklich ergänzende Befreiungstheologie entstanden. In Afrika und Asien sind ähnlich originelle theologische Ansätze im Werden. Eine weniger spektakuläre Entwicklung darf nicht übersehen werden. In den von europäischen Heiligen dominierten römischen Kalender finden laufend Heilige aus Lateinamerika, Afrika und Asien Aufnahme. Sie werden in Zukunft ihren kontinentalen Eigenarten noch mehr entsprechen. In Lateinamerika gibt es bereits Heilige der Gerechtigkeit; und in Aussicht stehen Heilige der Lebensfreude in Afrika sowie der Mystik in Asien.
Das Mittelalter überwunden
Ich schätze mich sehr glücklich, die letzten 50 Jahre miterlebt zu haben: die Entnazifizierung, die Entstalinisierung, die Entkolonialisierung, die „Ent-Tridentifizierung“. Dieses letzte Wort soll nicht besagen, daß das Konzil von Trient nicht mehr gelten würde – wohl aber, daß eine dort grundgelegte Phase statischer Theologie, Liturgie und Disziplin durch das II. Vatikanische Konzil überwunden worden ist.
Für mich ist das Konzil das entscheidende Ereignis gewesen. Ich nenne es das „Jahrtausend-Konzil“, weil damit Johannes XXIII. die Kirche des Mittelalters mit dem Staatskirchentum, dem übertriebenen Klerikalismus, der Gegenreformation abgeschlossen und die Kirche für das kommende Jahrtausend vorbereitet hat. Ich hatte die 20 Jahre vor dem Konzil mitgemacht. Es ist mir dann Gott sei Dank gelungen, die Nachkonzils-Theologie aufzuarbeiten und sie in Vorträgen und Büchern vielen Menschen zu vermitteln. Ich bin überzeugt, daß die Impulse des Konzils – nicht bloß die Texte von damals – sich noch voll durchsetzen werden.
Walbert Bühlmann ist Missionstheologe. Der Kapuziner lebt in Olten (Schweiz).
Spuren des 20. Jahrhunderts
Lesen Sie nächste Woche Dr. Michael ERNST: Das Wort Gottes neu entdeckt