„Die brasilianischen Haftanstalten sind ärger als das Fegefeuer, die Polizeigefängnisse aber sind die Hölle“, zitiert Amnesty International einen Regierungsbeamten. Günther Zgubic geht jeden Tag ins Fegefeuer und in die Hölle.Er hat in einem der verkommensten Vierteln von São Paulo gearbeitet. „Was ich dort erlebt habe, war schlimm genug, aber es war nur ein Vorgeschmack des Leides, des Elends, der Gewalt und der Menschenverachtung, die ich seit vier Jahren in den Haftanstalten und Polizeigefängnissen der brasilianischen Metropole zu Gesicht bekomme“, erzählt der steirische Priester Günther Zgubic. „Dort herrschen noch in vielen Bereichen die faschistischen Denk- und Verhaltensweisen der Militärdiktatur. Ein Menschenleben ist einen Dreck wert, und die unveräußerliche Würde, die auch ein Gefangener hat, wird tagtäglich mit Füßen getreten.“
Konzentrationslager
Immer wieder ist Zgubic Menschen begegnet, die schwer mißhandelt und gefoltert wurden. 1700 Fälle hat er registriert. „Aber das ist nur die Spitze des Eisberges, denn in fast allen Gefängnissen herrschen Zustände, die einer indirekten Folter gleichkommen.“ Zgubic scheut sich nicht, dafür das Wort Konzentrationslager in den Mund zu nehmen. „Die Gefängnisse sind katastrophal überbelegt. Bei insgesamt 75.000 Haftplätzen gibt es in Brasilien an die 180.000 Gefangene. Oft hat ein Mann nicht einmal einen halben Quadratmeter zur Verfügung. Ein weiteres Problem ist die mangelhafte Rechtskultur. 60 Prozent der Leute in den Polizeigefängnissen haben keinen Richter gesehen, obwohl sie diesem innerhalb von zehn Tagen vorgeführt werden müßten. Viele sind oft monatelang ohne Rechtsgrundlage in Polizeihaft, obwohl sie ohne Urteil spätestens nach 81 Tagen freizulassen wären. Die Gesundheitsversorgung funktioniert fast nirgends. Es gibt keine Medikamente, kein Verbandszeug. Tuberkulosekranke werden nicht isoliert und hausen teilweise mit zehn anderen Gefangenen in Einmannzellen oder liegen im Wasser, weil das Dach nicht gerichtet wird. Viele Kranke, die ins Spital müßten, werden dort nicht aufgenommen oder nicht behandelt, weil die Ärzte, die für 40 Stunden angestellt sind, oft nur drei, vier Stunden arbeiten. All das ist auch der Regierung bekannt, aber es wird nichts dagegen getan. Ich selber habe vor einem Jahr eine Anzeige erstattet, weil ein Querschnittgelähmter, der sich schon bis auf die Knochen wundgelegen hatte, über eine Woche im Spital nicht behandelt wurde. Aber der Staatssekretär im Gesundheitsministerium war nicht in der Lage oder willens, die geforderte Anordnung zu unterschreiben, daß die Ärzte verpflichtet sind, die Kranken regelmäßig anzuschauen und zu behandeln.“
Mit Rambomethoden
Infolge dieser unmenschlichen Zustände komme es immer wieder zu Gefängnisrevolten, berichtet Zgubic im Kirchenzeitungsgespräch. 1997 gab es in Brasilien 195 Aufstände in Haftanstalten. An einen Fall erinnert sich Zgubic immer noch erschüttert: „Da wurde ein Tbc-Kranker von – in diesem Fall durchaus anständigen – Polizisten zwanzigmal zur Krankenstation gebracht, weil sein Zustand so schlecht war. Er wurde nicht aufgenommen. Als er völlig abgemagert im Sterben lag, hat ihn die Polizei auf den Gang vor den Zellen gelegt. Als er um zwei Uhr morgens endgültig am Sterben war, hielten es die Mitgefangenen nicht mehr aus und schlugen mit den Besen an die Gitterstäbe. Aber anstatt den Sterbenden ins Spital zu bringen, holte der Aufseher eine Rambotruppe der Polizei. Die stürmte das Gefängnis, schoß herum, schlug mit Knüppeln auf die Leute ein – und zog sich zurück, ohne sich um die Verletzten zu kümmern. Als um sechs Uhr die reguläre Wacheinheit kam, waren sogar diese Leute von der Brutalität tief schockiert.“
In den letzten drei Jahren ist die Gefangenenrate um 30 Prozent gestiegen. Den Grund dafür sieht Zgubic in den wachsenden sozialen Spannungen. „Wir haben seit den 80er Jahren die dritte Wirtschaftskrise, die diesmal besonders schlimm ist. Der Staat hat die Währung enorm aufgewertet. Dadurch wurden die Importe billig und die Exporte sehr teuer. Die Folge ist eine wachsende Arbeitslosigkeit. Wir haben bereits 60 Prozent Schwarzarbeit, und von den restlichen 40 Prozent offizieller Arbeitsplätze ging in den letzten zwei Jahren ein Fünftel verloren. Immer mehr Menschen leben am Abgrund, daneben aber gibt es unvorstellbaren Reichtum. Brasilien ist das Land mit der zweitschlechtesten Güterverteilung der Welt. Das führt dazu, daß sich immer mehr Arme durch Diebstähle, Überfälle, Prostitution etc. ihren Anteil am Kuchen zu holen versuchen. Die Kriminalität und Gewalt steigen. Aber mit der Polizei lassen sich soziale Probleme nicht lösen, das ist ein Teufelskreis.“
Zur Person
Ende der 80er Jahre, bevor der Eiserne Vorhang aufging, da war es ihm in Österreich einfach zu ruhig, erinnert sich Günther Zgubic. „Und bei allem Friedens- und Dritte-Welt-Engagement fragte ich mich immer öfter: Muß mein Platz als Priester nicht direkt bei den Armen sein?“Geboren ist G. Zgubic vor 50 Jahren im oststeirischen Pöls. Nach seinem Theologiestudium in Innsbruck und Rom wurde er 1975 zum Priester geweiht. Nach Kaplansjahren in Radkersburg und Weiz ging er 1988 nach Brasilien. Am Campo Limo, einem der ärmsten und gewalttätigsten Vierteln von São Paulo, übernahm er eine Pfarre. „70.000 Menschen wohnten da. Unsere einzige Chance, um pastoral und sozial etwas zu bewegen, war die Ausbildung und Begleitung von Laienmitarbeitern. Ein dichtes Netz von Basisgruppen entstand, Sozialprojekte wurden initiiert usw. „Es war sehr viel zu organisieren und ich bin kaum noch zu den Leuten gekommen.“ Also verließ Zgubic die Pfarre und zog in eine Baracke zu den Obdachlosen und Straßenkindern. Vor vier Jahren begann er mit der Gefängnisseelsorge und der Dokumentation von Folter und Menschenrechtsverletzungen. 1000 Polizisten hat er angezeigt. Bedroht wurde er mehrfach. Aus Angst aufgeben? „Nein. Da käme ich mir unglaubwürdig vor. Wer Solidarität predigt, muß sie auch leben. Und die im Gefängnis mit mir zusammenarbeiten, riskieren viel mehr.“
Seit elf Jahren arbeitet der steirische Priester Günther A. Zgubic in Brasilien.