Ein einladendes Szenario zeichnet Gott, wenn er in diesem Abschnitt des Jesajabuches Speis’ und Trank zum Nulltarif anbietet. Liest man diese Zeilen, scheint es ganz so, als hätten sich die darin Angesprochenen aus einem unbekannten Grund verrannt. Sie laufen hungrig und durstig umher und kaufen sich Essen und Trinken teuer ein, wo es doch eine Gratis-Quelle zum Leben gibt, die den Charakter eines Freudenmahls hat (Wein und Milch gehören zum Mahl der Freude, vgl. Hld 5, 1). Diese Gratis-Quelle erschließt sich, wer dem Wort des Sprechers zuhört („Neigt euer Ohr mir zu“).
Jene, an die dieser alte Text ursprünglich gerichtet war, saßen ziemlich fest – nämlich in ihrer eigenen Bequemlichkeit. Jerusalem war zerstört, und die wichtigen Autoritäten bzw. deren Nachkommen saßen in Babylon im Exil, obwohl in der Gestalt König Kyros’ Hoffnung aufkeimte. Aber man hatte schon ein halbes Jahrhundert in Babylon verbracht und es sich dort bequem eingerichtet; eine Rückkehr in das eigene Land würde Mühen des Wiederaufbaues bedeuten; warum also nicht einfach in Babylon bleiben?
Eine unerträgliche Situation für Gott und seinen Propheten. Die Möglichkeit zur Rückkehr zur eigenen Identität mußte genützt werden. Der Text argumentiert mit den Worten der Weisheit Gottes. Diese wirbt in Spr 9, 5, von ihrem Mahl zu essen und von ihrem Wein zu trinken, was bedeutet, sich dem Wort Gottes zuzuwenden und sich damit von der „Torheit“ der Gottlosen abzuwenden. Ein reiches Bild für eine auf den ersten Blick dürre Angelegenheit: Auf das Wort Gottes hören. Wort Gottes ist aber nicht irgendein Wort, sondern ein Wort, das wirkt!
Israel kann sich nicht in die Bequemlichkeit zurückziehen. Seine Aufgabe heißt: die Völker zu sich zu rufen. (V. 4–5) Denn Gott will das Heil aller Menschen, und Israel soll hier eine Schlüsselstellung einnehmen. Das kann es aber nur in Jerusalem.
Jetzt sieht es ganz so aus, als wären wir bei Mühen und Strapazen angelangt, die Gott von Israel einfordert. Diese Lesung meint aber nicht: „Strengt euch an!“, sondern lockt mit einem reichen, lebensvollen Bild, das eher den Titel tragen könnte: „Seid doch gescheit! Und holt euch, was ihr zum Leben braucht, von Gott, von seinem Wort!“ Das lebensvolle Bild macht es Israel leicht, seinem Auftrag nachzukommen. Gott will nicht einfach etwas von Israel ein-fordern – sondern will es zu einem qualitätsvollen Leben verlocken, das nicht eintönig und ohne Perspektive dahinplätschert, sondern gestaltet und mit Konturen versehen wird.
Beate Schlager-Stemmer ist Referentin des Katholischen Bibel-werkes im Pastoralamt der Diözese Linz.