Ausgabe: 1999/30, Serie, Finde den Weg, Weg, Elias, Wüste
27.07.1999
- Matthäus Fellinger
„Ich weiß keinen Weg mehr“, sagt ein Mensch. Nicht ein und nicht aus zu wissen ist ein schlimmer Zustand. Wie vor einer Mauer kommt das Leben zum Stillstand.
Zunehmend mehr Menschen leiden unter dieser Tatsache: Etwas geht schief. Und da steht auf einmal das ganze Leben in Frage. Es gibt die breiten Wege, die Wege für die Menschen insgesamt oder den Weg, den eine Gemeinschaft geht. Jeder Mensch hat jedoch auch seinen eigenen Weg zu gehen; und dieser präsentiert sich nicht immer wie eine glatte und ebene Straße. Der Lebensweg nimmt eine Wendung. Plötzlich ohne Arbeit! Eine Krankheit. Der Tod eines sehr nahestehenden Menschen. Wie soll es da weitergehen? Wie kann es überhaupt noch weitergehen? Auch Elias, jenem alttestamentlichen Propheten, ist es auf seinem Weg so ergangen (1 Könige 19). Gerade nach der Stunde des Erfolgs ist es geschehen, nachdem er die „falschen Propheten“ besiegt hatte. Da fürch-tete er die Rache der Königin Isebel und mußte fliehen. Irgendwo in einem Schatten der Wüste blieb er liegen. Seine Kraft war zu Ende. Er wußte keinen Weg mehr. Es heißt in der Schrift, es kam ein Engel und brachte ihm Nahrung. „Steh auf und iß!“ sagte der Engel. Und er aß und trank, aber er legte sich wieder hin. Noch einmal mußte ihn der Engel wecken: „Iß, sonst ist der Weg zu weit für dich.“ Elias ist aufgestanden.Nicht vorschnell liegenzubleiben. Das mutet Gott zu. Dein Weg ist noch nicht zu Ende. Diese Zuversicht braucht oft einen Engel, der sie einem in der Stunde der Entmutigung zuspricht. Menschen könnten füreinander solche Engel sein, indem sie sich nicht damit abfinden, daß einer liegengeblieben ist.Menschen neigen vielleicht heute mehr als früher dazu, in einer Krise oder in einem Scheitern das ganze Leben in Frage gestellt zu sehen. Es ist nicht leicht, im Moment des Schmerzes zu sehen, daß dieser Schmerz, im späteren Blick zurück, einmal Teil einer Lebensstrecke sein kann, nicht ihr Ende. Finde den Weg, das ist eine Ermutigung, nicht liegenzubleiben. Aufzustehen, auch wenn es schwerfällt. Vielleicht ist ein Licht am Ende des Tunnels. Man wird es entdecken, wenn man ein paar Schritte im Dunkeln gegangen ist.