Ausgabe: 1999/30, Ernst, Michael Ernst, Bibel, Parsch
27.07.1999
- Michael Ernst
Es war das Jahrhundert der Bibel: Nie zuvor wurde das Buch der Bücher so oft übersetzt, so oft gedruckt und von so vielen Menschen gelesen. Auch die katholische Kirche hat gelernt, auf das Wort Gottes erneut zu hören.
Ob es Arbeiterinnen und Arbeiter in einem Zentrum für Tagelöhner auf den Philippinen sind, Campesinos einer Basisgemeinde in Peru, Überlebende der Massaker in Ruanda, die Versöhnung suchen, oder eine Gruppe von Ärzten hierzulande, die sich regelmäßig trifft. Alle haben eines gemeinsam: Menschen setzen sich zusammen und besprechen ganz konkrete Alltagsprobleme – und immer wird dazu der Bibel gelesen, wird das Wort Gottes meditiert. Daß heute jede und jeder in der katholischen Kirche einfach zum Wort Gottes greifen kann, dies scheint mir das wichtigste „Ergebnis“ dieses 20. Jahrhunderts zu sein.
Die Abwehr des Modernismus
In der katholischen Theologie vom 17. bis zum 19. Jahrhundert spielte die Bibelwissenschaft nur eine untergeordnete Rolle. Eine neue Epoche bahnte sich gegen Ende des vorigen Jahrhunderts an, als 1890 Marie-Joseph Lagrange die École Biblique gründete . Er war der erste, der die in der protestantischen Exegese längst üblich gewordene „historisch-kritische Methode“ als den notwendigen Auslegungsweg der Bibel ansah. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts jedoch war geprägt durch die Krise des sogenannten „Modernismus“ und dessen Abwehr. Papst Leo XIII. setzte im Jahre 1902 eine Bibelkommission zur Förderung und Überwachung der biblischen Studien ein. Ihre Aufgabe war es, die Bibel vor falschen Auslegungen zu schützen – als Überwachungsorgan für die katholische Bibelwissenschaft. Der Jesuit Joseph Fitzmyer über diese Zeit: „Eine dunkle Wolke von reaktionärem Konservativismus überschattete die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts.“Doch neben der theologischen Auseinandersetzung über die Schriftauslegung entwickelte sich in dieser Zeit auch eine bemerkenswerte Bibelbewegung, in der ja gerade Österreich mit Pius Parsch einen rühmlichen Platz einnimmt.
Eine neue Epoche begann am 30. September 1943 durch die En-zyklika „Divino Afflante Spiritu“ von Papst Pius XII.
Interesse für das Wort Gottes geweckt
Entscheidenden Einfluß hatte der damalige Beichtvater von Papst Pius XII, Augustin Bea SJ. Der spätere Kardinal über die Enzyklika: „Sie hat das unzweifelhafte Verdienst, im katholischen Bereich das Interesse für das geschriebene Wort Gottes geweckt und damit die Bibelbewegung tatkräftig unterstützt und gefördert zu haben. Sie hat eine Generation von Exegeten entstehen lassen, die sie als richtungweisend verstanden haben und sich von ihr formen ließen.“Diese Enzyklika befreite die katholische Bibelwissenschaft endgültig vom Druck einer jahrhundertelangen gegenreformatorischen Tradition. Ein klares Zeugnis für die neue Situation war das Schreiben der – mit neuen Aufgaben bis heute bestehenden – Bibelkommission vom 21. April 1964 über „Die historische Wahrheit der Evangelien“. Sie macht klar, daß die Lehre der Enzyklika, die vor allem alttestamentliche Beispiele anführte, auch auf das Neue Testament anzuwenden sei. Dieser Text erschien während des 2. Vatikanischen Konzils, gleichsam als Diskussionsbeitrag zur Offenbarungskonstitution „Dei Verbum“, die am 18. November 1965 mit 2344 Ja- gegen sechs Neinstimmen verabschiedet wurde. Die Dogmatische Konstitution über das „Wort Gottes“ – sie zählt zu den bedeutendsten Konzilsdokumenten – zeigt die Chance, gerade im sachgerechten Hören auf die Bibel zu einem Leben unter dem Wort Gottes zu finden.
Erfassen, was Gott uns mitteilen wollte
Das Konzil hat damit den Streit um die Anwendung der historisch-kritischen Methode(n) auf die Bibel beendet: Gott hat in der Hl. Schrift „durch Menschen nach Menschenart gesprochen“. Daher „muß der Exeget, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich sagen wollten; dazu ist unter anderem auf die literarischen Gattungen zu achten, ebenso auf die vorgegebenen Denk-, Sprach- und Erzählformen“ (DV 12). Das heißt beispielsweise, daß der biblische Schöpfungsbericht (Gen 1) keine geschichtliche oder naturwissenschaftliche Informationen bietet, sondern in poetischer Form die aus Israels Glauben erwachsene Antwort auf die Frage nach dem Anfang darstellt.Eingeschärft wird auch im Konzilsdokument die Bedeutung der Schrift als „Seele der hl. Theologie“ und die Stellung der Kirche, speziell des Lehramtes, unter dem Wort Gottes (DV 10).
Den Schatz des Wortes Gottes weit geöffnet
Eine erste für die Kirche wichtige Frucht war die Erstellung einer neuen Perikopenordnung (mit den drei Lesejahren an Sonn- und Feiertagen) und im Zusammenhang damit die Fertigstellung der „Einheitsübersetzung“ der Heiligen Schrift. Hier zeigt übrigens die jahrzehntelange praktische Erprobung gravierende Schwächen, speziell bei der Bibelübersetzung. Aber allen, die am Leben der Kirche aktiv teilnehmen, ist der Schatz des Wortes Gottes weit geöffnet worden: Der eigentliche Platz der Bibel ist die gottesdienstliche Versammlung des Volkes Gottes!Inzwischen hat sich das methodische Spektrum exegetischer Arbeit in einer Weise ausgeweitet, wie es vor 30 Jahren noch nicht abzusehen war; neue Methoden und neue Zugänge bieten sich an: vom Strukturalismus bis zur materialistischen, psychoanalytischen, feministischen (u. a.) Exegese. Andererseits sind neue Versuche im Gang, die Methoden der Auslegung der Kirchenväter wiederzugewinnen und erneuerte Formen geistlicher Auslegung zu erschließen. Und so bietet die Bibelkommission am 15. April 1993 eine Standortbestimmung katholischer Exegese unter dem Titel „Die Interpretation der Bibel in der Kirche“ an. Dieses Dokument gibt am Ende unseres Jahrhunderts einen fundierten Überblick über das Panorama gegenwärtiger Methoden und bietet Orientierungen über Möglichkeiten und Grenzen dieser Wege.
Zeitzeugen
Pius Parsch
Liebe zur Bibel geweckt
Er gilt als der Pionier der Erneuerung der katholischen Kirche: Pius Parsch. Der am 18. Mai 1884 in der Nähe von Olmütz geborene Johannes tritt 1904 in das Augustiner-Chorherrn Stift Klosterneuburg ein und erhält den Ordensnamen Pius – nach dem erst neu gewählten Papst Pius X. 1918 kehrt der Militärseelsorger aus Serbien mit der Einsicht zurück, daß für die Erneuerung der Kirche zwei Dinge notwendig sind: Bibel und Liturgie. Bekannt wird Pius Parsch durch seine Gottesdienste in St. Gertrud, das als Wiege der volksliturgischen Bewegung gilt. Bereits 1927 werden jede Woche Tausende Stück seiner „Meßtextaktion“ aus dem deutschen Sprachraum bestellt. Und am 10. September 1933 feiern beim Katholikentag in Wien 200.000 Gläubige erstmals den Gottesdienst als „Betsingmesse“. Für die Bibel hat Dr. Pius – „in sanfter Zähigkeit“, wie es sein Motto war – eine bewundernswerte Kleinarbeit geleistet, besonders aber Liebe und Begeisterung für die Heilige Schrift geweckt. 1935 entwirft er das Programm einer Volksbibelbewegung: Bibelrunden, Bibelpredigt, Schulung des Klerus. Gleichzeitig sorgt er für billige Volksbibeln. „Die Bibel steht und fällt“, schreibt Parsch, „wie die liturgische Bewegung, mit dem Klerus. Wenn wir es nicht erreichen, daß dieser bibelfreudig wird, bringen wir nichts zustande.“ Nach einem Schlaganfall in den Rollstuhl gefesselt, stirbt Pius Parsch am 11. März 1954.
Walter AchleitnerDr. Michael Ernst ist Neutestamentler an der Universität Salzburg.