Bei der Europasynode treffen zwei Kirchenwelten aufeinander
Ausgabe: 1999/31, Europa, Europasynode
10.08.1999
- Hans Baumgartner
Vom 1. bis 23. Oktober findet in Rom breits zum zweiten Mal in diesem Jahrzehnt eine Bischofssynode zur Lage der Kirche in Europa statt. Zwei Kirchenwelten werden dabei aufeinander treffen, sagt der Pastoraltheologe Zulehner.
1994 hat Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben zur Jahrtausendwende (Tertio millenio adveniente) die Abhaltung von Bischofssynoden für Amerika, Afrika und Asien/Ozeanien angekündigt. Für Europa fand bereits 1991 eine Sondersynode der Bischöfe statt, die ganz geprägt war von den Ereignissen der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa. Es kam daher für viele überraschend, als der Papst bei seinem Deutschlandbesuch 1996 in Berlin vor dem Symbol der gefallenen Mauer eine weitere Europasynode ankündigte. Der Grund dafür waren dramatische Veränderungen und Ereignisse, die in der Aufbruchsstimmung von 1991 kaum bedacht worden waren – vom Kampf der Kirche um gesellschaftliche Anerkennung und dem Ringen um ein neues Miteinander der Kirchen bis zu massiven sozialen Herausforderungen durch die liberale Wirtschaftspolitik mancher Reformländer und den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien.
Die Atemnot der Kirche
Der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner, der an umfangreichen Studien zur religiösen und kirchlichen Lage in Ost- und Westeuropa führend mitgearbeitet hat, sieht der Bischofssynode mit großer Spannung entgegen, da die „Lage der Kirche in Westeuropa sich doch sehr stark von der in den Reformländern unterscheidet“. Vier Jahrzehnte totalitärer Unterdrückung der Kirchen im Osten haben, so Zulehner, tiefe Spuren hinterlassen:- In vielen Ländern, mit Ausnahme von Polen und Kroatien, sind die Kirchen in ihrer Struktur und ihrer Glaubenssubstanz sehr beschädigt. In der ehemaligen DDR sind drei Viertel der Bevölkerung ohne Bekenntnis; - die Kirchen sind sehr stark aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit zurückgedrängt, sie sind „Sakristei- und Untergrundkirche“ geworden; - die Kirchen sind in ihrer inneren Entwicklung zurückgeblieben. Sie haben zwar in den letzten Jahren das Konzil verarbeitet, sind aber weiterhin eine stark auf den Priester und die Liturgie zentrierte Kirche geblieben. Dazu kommt in manchen Regionen ein großer theologischer Aufholbedarf.
Die westliche Kirche, so Zulehner, hat ganz andere Probleme: „Sie ist herausgefordert durch die wertplurale liberale Kultur. Sie ist dadurch einerseits in Gefahr, zu einer ,liberalen Kirche‘ auszudünnen. Sie ist andererseits aber auch in Gefahr, dass sie zu einer reaktionären, sich nach außen hin verschließenden Kirche wird, anstatt zu einem kultivierten und christlichen Umgang mit der Freiheit zu finden. Aus diesem Konflikt stammen auch die Polarisierungen, die im Westen viel stärker sind als im Osten.“Wenn der Papst immer wieder betone, die Kirche Europas atme mit zwei Lungenflügeln, dann müsse man, so Zulehner, feststellen, derzeit geht der Atem – auch innerhalb der katholischen Kirche – in Ost und West sehr verschieden. „Die zentrale Frage ist nun: Wie kommen die Kirchen aus dieser Atemnot heraus und wie können sie gemeinsam ihren unerlässlichen Beitrag dazu leisten, dass aus dem sich einenden Europa ein Projekt des Friedens, der Gerechtigkeit, der sozial- und umweltverträglichen Wirtschaft und der Menschenrechte wird?“
Voneinander lernen
Für die osteuropäischen Kirchen ergebe sich daraus als Konsequenz, so Zulehner, die Suche nach einer neuen gesellschaftlichen Präsenz. Das heißt u. a. die Entwicklung einer aktiven Laienbewegung (Katholische Aktion), der Aufbau einer schlagkräftigen Caritas, ein möglichst breites Engagement im Schul-, Bildungs- und Medienbereich sowie bei der Vermittlung der Soziallehre in Theorie und Praxis. Für die westlichen Kirchen sieht Zulehner als dringendste Herausforderung, sich verstärkt auf die Quellen des Glaubens zu besinnen, in die Tiefe zu graben, ohne die Offenheit für die Gesellschaft zuzuschütten. „Beide Kirchen können viel voneinander lernen: der Osten die gesellschaftliche Präsenz der Kirche, der Westen das feste Stehen im Glauben und ein hohes Maß an Zusammenhalt und Loyalität.“