In den vergangenen Monaten waren wir mit einem Krieg in Europa konfrontiert. Schon seit langem sind wir daran gewöhnt, auf einen Krieg mit Abscheu und Entsetzen zu reagieren. Das 20. Jahrhundert aber begann ganz anders.
Aufgrund der jahrhundertelangen Verbindung der katholischen Kirche mit den Habsburgern übernahmen ohne Zögern die österreichischen Bischöfe den Kriegswillen des Herrscherhauses, der Politiker und der Generalität, als das Thronfolgerpaar am 28. Juni 1914 in Sarajevo ermordet wurde. In völligem Einverständnis mit der Kriegserklärung Kaiser Franz Josephs an Serbien am 28. Juli 1914 formulierten die Bischöfe zum Teil begeistert ihre Aufrufe zum „gerechten Verteidigungskrieg“ (Wiens Kardinal Piffl) und trugen dazu bei, dass auch die religiösen Energien in die Schlacht geworfen werden konnten.
Jubelnde Begeisterung
Nur einen Tag nach der Kriegserklärung schrieb der Linzer Bischof Rudolf Hittmair in seinem Hirtenwort „Zum Krieg“: „Mit jubelnder Begeisterung hat ganz Oesterreich erfüllt das entscheidende Wort: es ist Krieg! Und dieses in Kriegsbegeisterung aufjauchzende Oesterreich: Kaiser! das ist Dein erster Sieg in diesem Krieg. Alle Völker, alle Stände, alle geeint zu flammender Hingebung von Gut und Blut fürs Vaterland: Oesterreich! das ist dein Kriegstriumph. Aber es genügt nicht, daß der große Augenblick uns begeistere. Die große Zeit des höchsten blutigen Ernstes muß uns wahrhaft groß machen, sie muß uns heiligen.“ In unzähligen Hirtenbriefen formulierten die österreichischen Bischöfe ihre Theologie zum Ersten Weltkrieg: Der Krieg, den die österreichisch-ungarische Monarchie zu führen „genötigt“ wurde, ist ein gerechter Krieg. Weil Österreichs Sache im Krieg gerecht ist, steht Gott auf der Seite der Monarchie und wird ihr zum Sieg verhelfen. Alle religiösen Subjekte und Symbole werden zu Gunsten der Habsburgermonarchie mobilisiert: Gott, Jesus, die Herz-Jesu-Verehrung, Maria, der hl. Josef, Andachten, Gebete, der Rosenkranz, die Kirchenglocken und die Kommunion. Gleichzeitig ist der Krieg das Strafgericht Gottes über die Sünden der Menschen. Vor allem die Genuss-Sucht, die Unkeuschheit, die Habsucht und die Frauenmode hätten den Zorn Gottes hervorgerufen. Fürstbischof Egger von Brixen: „Das heutige Europa hat Gott zu schwerem Zorn gereizt“, so dass Gott nun „die Geißel schwingt und wuchtige Hiebe auf die Völker niedersausen lässt.“
Niederlage ohne Folgen
Die Kriegsniederlage, die die bischöfliche Theologie zu Gunsten der Habsburgermonarchie hätte erschüttern müssen, führt weder zum Eingeständnis, sich geirrt zu haben, noch zur Veränderung der theologischen Deutung des Krieges. Der Erste Weltkrieg hinterlässt an der neuscholastischen Theologie der Bischöfe keine Spuren, sie geht unberührt aus ihr hervor. Darum gab es auch keine neue Theorie und kein neues Verhalten, sich dem nächsten, dem Zweiten Weltkrieg, entgegenzusetzen. Auch wenn aufgrund der irritierenden und zwiespältigen Kirchenpolitik Hitlers die Euphorie und Begeisterung für den Krieg stark zurückgegangen war, formulierten die deutschen und österreichischen Bischöfe kurz nach Kriegsausbruch erneut ihren Aufruf zu Gehorsam, Opfer und Pflicht: „In dieser entscheidungsvollen Stunde ermuntern und ermahnen wir unsere katholischen Soldaten, in Gehorsam gegen den Führer, opferwillig unter Hingabe ihrer ganzen Persönlichkeit ihre Pflicht zu tun. Das gläubige Volk rufen wir auf zu heißem Gebet, daß Gottes Vorsehung den ausgebrochenen Krieg zu einem für Vaterland und Volk segensreichen Erfolg und Frieden führen möge.“ Erst die zunehmende Kirchenverfolgung, dann Stalingrad, die Verwüstungen deutscher Großstädte gegen Kriegsende, die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, vor allem aber die atomare Aufrüstung nach dem Zweiten Weltkrieg und damit die Möglichkeit einer ganz neuen Qualität der Vernichtung führten zu einer neuen Einstellung zum Krieg.
Als Mittel sinnlos
Nicht zuletzt die Differenz zwischen dem absolutistischen Kirchensystem und der sich durchsetzenden Demokratie brachte der Kirche die Freiheit, sich vom Verständnis des Krieges als Mittel der Politik zu trennen. So schreibt Johannes XXIII. in seiner Enzyklika „Pacem in terris“ vom 11. April 1963: „Darum ist es in unserer Zeit, die sich des Besitzes der Atomkraft rühmt, sinnlos, den Krieg als geeignetes Mittel zur Wiederherstellung verletzter Rechte zu betrachten.“ Und am 7. Dezember 1965 formulierte das 2. Vatikanische Konzil in der Konstitution „Über die Kirche in der Welt von heute“: „Mit der Fortentwicklung wissenschaftlicher Waffen wachsen der Schrecken und die Verwerflichkeit des Krieges ins Unermessliche.“ So verurteilt das Konzil den totalen Krieg und erklärt: „Jede Kriegshandlung, die auf die Vernichtung ganzer Städte oder weiter Gebiete und ihrer Bevölkerung unterschiedslos abstellt, ist ein Verbrechen gegen Gott und gegen den Menschen, das fest und entschieden zu verwerfen ist.“ Schließlich drückt es die Hoffnung auf eine Zeit aus, „in der auf Basis einer Übereinkunft zwischen allen Nationen jeglicher Krieg absolut geächtet werden kann“.
Gerechter Krieg lebt weiter
Das 20. Jahrhundert begann mit einer positiven Theologie des Krieges und schien mit der absoluten Ächtung jeglichen Krieges durch das höchste kirchliche Lehramt zu enden. Der am 25. Juni 1992 von Johannes Paul II. approbierte „Katechismus der Katholischen Kirche“ fällt aber wieder hinter das Konzil zurück. Die Verurteilung und Ächtung jeglichen Krieges finden sich nicht mehr. Die Kriterien für einen sogenannten „gerechten Krieg“ werden umfangreich angeführt, die Beurteilung dem „klugen Ermessen“ derer zugeschrieben, „die mit der Wahrung des Gemeinwohls betraut sind“. Die Ereignisse im Kosovo scheinen es nahe zu legen, sich heute mehr mit dem Katechismus als mit den Texten des Konzils zu befassen.
Zum Thema: Wilhelm Achleitner, Gott im Krieg. Die Theologie der österreichischen Bischöfe in den Hirtenbriefen zum Ersten Weltkrieg, Wien 1997.
Beeindruckende Kurskorrektur
Die bischöfliche Verkündigung zum Ersten Weltkrieg ist noch kaum bekannt. Nicht nur einmal bin ich gewarnt worden, sie zu veröffentlichen.
Die damaligen Bischöfe wissen genau, dass man zwei Herren nicht dienen kann. Jede ihrer Predigten ist bestimmt vom unbedingten Vorrang Gottes. Sie bringen es dennoch zustande: Sie dienen Gott und dem Kaiser. Die patriotische, bischöfliche Theologie wird zur politischen Theologie der Habsburgermonarchie. Und so wage ich zu sagen: Unter dem mit himmlischen Sternen und dem Kreuz des Lammes verzierten Bischofsmantel wucherte Amtsmissbrauch. Oder kann man es anders benennen, aus den Zeitumständen erklären? Sollen diejenigen einfühlsam verstanden werden, die nach dem Ersten Weltkrieg niemals Abbitte geleistet haben für ihre kriegstreibende, patriotische Predigt?
Für einen Glaubenden ist es irritierend, dass die damaligen Bischöfe offensichtlich keinen anderen als den mit dem Ersten Weltkrieg aktiv verbundenen, züchtigenden Gott erfahren haben. Ist also Gott von allem Anteil freizusprechen?Umso beeindruckender ist die Kurskorrektur. Es spricht für die Kraft der Kirche, von der Kriegszustimmung zur Verurteilung „jeglichen Krieges“ gefunden zu haben.
Zeitzeugen
Unbequem Heilig
Wie sehr der Verzicht auf Gewalt eine Nation verändern kann, hat Thomas Roberts SJ erfahren. Von 1939 an Erzbischof von Bombay, erlebte er die gewaltfreie Bewegung in Indien. So überrascht es, dass er den Konzilsvätern 1965 nicht Mahatma Gandhi vor Augen führte, sondern die Aufmerksamkeit dankbar auf Franz Jägerstätter lenkte, den Innviertler Bauern, der am 9. August 1943 von den NS-Schergen hingerichtet wurde: „Sein Beispiel inspiriere unsere Entschlüsse.“ Dabei passt der Lebenslustige gut in das Bild des „mündigen Laien“, das im Konzil wieder entdeckt wird: dem Gewissen gehorchen und in der Welt das Richtige tun. Und als Roberts den Familienvater als „Märtyrer“ bezeichnet, gilt dieser in seiner Heimat als unbequem denn als heilig.
Mit Franz Jägerstätter gelang es Roberts, die Bischöfe in zwei Punkten zu überzeugen. Gestrichen wurde, dass im Zweifelsfall die Obrigkeit über die „Gerechtigkeit“ des Krieges urteilt, aufgenommen der Ruf nach Gesetzen, den „Wehrdienst aus Gewissensgründen verweigern“ zu können. Die Formulierung, die dazu „ermutigt“, war an den Reaktionen von US-Bischöfen gescheitert. Und dennoch: Von Jägerstätter überzeugt, sprach Erzbischof Roberts im Konzil vom vielleicht größten Skandal: „dass fast jede nationale Hierarchie fast in jedem Krieg sich erlaubt hat, der moralische Arm ihrer Nation zu sein, selbst in Kriegen, deren greifbare Ungerechtigkeit später anerkannt wurde“.