Kreisau: Ein Ort mit Geschichte für eine unbefangene Jugend
Ausgabe: 1999/31, Kreisau
10.08.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Stefan Branahl
Im Widerstand gegen den Nationalsozialismus traf sich 1940 eine kleine Gruppe in Kreisau. In dem polnischen Ort treffen sich heute Jugendliche aus ganz Europa, um alte Vorurteile abzubauen.
Franzosen sind arrogant. Deutsche sind laut. Polen sind faul. Und die Holländer? Die denken nur von Edamer bis Tulpen. An diesem Nachmittag schwirren die Vorurteile nur so durch den Raum. Im Schloss von Kreisau in Niederschlesien, dem heutigen polnischen Krzyzowa, sitzen junge Leute aus vier Ländern an einem Tisch und entwerfen Plakate. Was wissen wir über unsere Nachbarn in Europa? „Eigentlich viel zu wenig“, bedauert Johanna, die 17-jährige Oberschülerin aus Legionowo. Die anderen pflichten ihr bei: Wer sich nicht näher kennen lernt, wird seine Vorurteile immer pflegen. Wohin Überheblichkeit, Nationalismus und Menschenverachtung führen können, haben die Teilnehmer dieser internationalen Jugendbegegnung am Tag zuvor im ehemaligen Konzentrationslager Groß-Rosen hautnah erlebt: An der Erschießungsmauer, wo in vielen Sprachen Gedenktafeln an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern, in der einzigen noch erhaltenen Baracke für die Arbeitssklaven, im benachbarten Steinbruch, wo sich Inhaftierte aus Verzweiflung in die Tiefe gestürzt haben, im Gespräch mit einem der Überlebenden.
NS-Widerstand
Kreisau ist ein kleines, verschlafenes Dorf. Gäbe es nicht den großen ehemaligen Gutshof der Grafenfamilie von Moltke, würde wohl kaum jemand Notiz von dem Ort nehmen. Wenn heute von Kreisau gesprochen wird, dann ist nicht die Tradition des alten Feldmarschalls Hellmuth Graf von Moltke (1800 bis 1891) gemeint, dem Kriegsstrategen und Mitbegründer des Deutschen Reiches, sondern der „Kreisauer Kreis“ um seinen Großneffen Hellmuth James von Moltke. Als 1940 die Nationalsozialisten an allen Fronten zu siegen schienen, hatte er eine kleine Gruppe von Menschen um sich geschart, um Pläne für ein demokratisches und in Europa integriertes Deutschland zu entwerfen. Katholiken gehörten dazu wie der Jesuitenpater Alfred Delp, Protestanten wie Eugen Gerstenmaier oder wie der von seinen KZ-Erfahrungen geprägte Sozialdemokrat Julius Leber. Im Berghaus von Kreisau, oberhalb des Gutes, gab es drei größere Treffen. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde der Widerstandskämpfer von Moltke hingerichtet, das Gut verfiel.Die Idee, Kreisau wieder zu einer Begegnungsstätte zu machen, nahm 1987 ein kleiner Arbeitskreis in Ostberlin auf. Der Kontakt zum Klub Katholischer Intelligenz in Breslau wurde aufgenommen. 1989 trafen sich erstmals Polen, Deutsche, Niederländer und US-Amerikaner zu einer gemeinsamen Konferenz. Und bereits im Jahr darauf wurde die „Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung“ gegründet.
Unbefangen
Die Ziele für die im Mai 1998 offiziell eröffnete internationale Jugendbegegnungsstätte in Kreisau sind hoch gesteckt. Walter Lorang formuliert sie so: „Hier auf diesem historischen Boden kann man sich Gedanken machen über ein vereintes Europa. Und am Beispiel des Kreisauer Kreises wird deutlich, was Zivilcourage bedeutet.“ Für Maude aus Frankreich, Willem aus den Niederlanden, Katrin aus Deutschland und Johanna aus Polen ist das eher Theorie. Sie kennen Kreisau und den Namen von Moltke – wenn überhaupt – aus Büchern. Sie sind interessiert, aber distanziert. Aufarbeitung des Nationalsozialismus, deutsch-polnische Versöhnung, französischer Widerstand, das ist Geschichte – bekannt, aber vorbei. Hier geht eine neue Generation unbefangen miteinander um; nicht nur bei gemeinsamen Wanderungen, beim Tanzabend im Schlosskeller oder wenn ein französisch-niederländisches Pärchen schmust.