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Die Passion des Menschen im Blick

Serie: Das 20. Jahrhundert
Ausgabe: 1999/32, Kunst
13.08.1999
- Günter Rombold
Kirche und Kunst trennt nach außen ein tiefer und breiter Graben. In der Auseinandersetzung wird eines völlig übersehen: Auch in der Kunst des 20. Jahrhunderts spielt das Jesusbild eine wichtige Rolle.

Die bewegte Geschichte im Verhältnis von Kunst und Kirche war das Thema von Papst Johannes Paul II. bei seinem ersten Besuch 1980 in Deutschland. Im Herkulessaal in München sagte der Papst vor Künstlern und Publizisten: „Lange Zeit galt die Kirche als Mutter der Künste. In den neuzeitlichen Jahrhunderten, am stärksten seit 1800, lockerte sich die Verbindung von Kirche und Kultur und damit von Kirche und Kunst. Zwischen Kirche und Kunst entstand ein Graben, der immer breiter und tiefer wurde.“ Eine christliche oder gar kultische Kunst von Rang gibt es seit dem Ende des Barock nur selten. Die Meisterwerke sind jetzt nicht mehr in den Kirchen, sondern in den Museen zu finden. Aber auch dort gibt es religiös oder christlich relevante Werke. Das muss sich nicht in der Thematik der Bilder, also in ihrer Ikonographie, äußern; religiöse Relevanz ist überall dort vorhanden, wo es um die existentiellen Fragen des Menschen geht. Als Beispiel sei ein Bild von Paul Gauguin genannt mit dem Titel „Woher kommen wir, wer sind wir, wohin gehen wir?“. Oder auch das Gesamtwerk von Max Beckmann (1884–1950), der Größe und Bedrohtsein des Menschen ins Bild gebracht hat. Darüber hinaus gibt es aber in unserem Jahrhundert eine erstaunlich große Zahl bedeutender Auseinandersetzungen mit dem Christusthema. So hat beispielsweise der in Ostpreußen geborene Lovis Corinth dieser Thematik etwa 50 Gemälde und zahlreiche Graphiken gewidmet. Über sich selbst hat Corinth einmal gesagt: „Ich hänge künstlerisch mit den Geschehnissen der Bibel zusammen.“ Dasselbe gilt für Georges Rouault, dessen Schaffen im Rahmen der Weltausstellung in Paris 1900 erstmals große Anerkennung gefunden hat, und für Emil Nolde. Man betrachte auch die Meditationsbilder von Jawlensky, die auf das Christusbild hin durchsichtig sind.

Weltkrieg und Christuszyklus

Charakteristisch ist, dass die meisten Bilder Passionsbilder sind. Das ist ein Niederschlag der furchtbaren Ereignisse dieser Zeit, die dazu geführt haben, dass der Mensch die Passion Christi und seine eigene Passion in eins gesehen hat. Karl Schmidt-Rottluff (1884 bis 1976) hat 1918, am Ende des Ersten Weltkrieges, einen Christuszyklus geschaffen, der diesen Zusammenhang in geradezu dramatischer Weise beschwört. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzt sich diese Linie fort. Alfred Hrdlicka, der sich selbst als Ungläubiger bezeichnet, hat immer wieder die Passion des heutigen Menschen mit der Passion Christi in Bezug gesetzt. Arnulf Rainer hat oftmals Ikonen oder Bilder des Mittelalters zum Gegenstand seiner teils verdeckenden, teils hervorhebenden Auseinandersetzung gemacht. Im Unterschied dazu hat Joseph Beuys (1921 bis 1986) den Akzent auf die Auferstehung gelegt. In seinen Augen ist von Christus ein Impuls ausgegangen, der auch heute noch wirkt und der auf die Menschwerdung des Menschen abzielt. Bei den bedeutendsten Medienkünstlern der unmittelbaren Gegenwart, wie beispielsweise Bill Viola, findet diese Tendenz ihre Fortsetzung.

Künstler verlangen Autonomie

Ganz klar muss gesagt werden: Künstler wehren sich eindeutig gegen jede kirchliche Vereinnahmung. Was sie erwarten, ist eine Anerkennung ihrer Autonomie, ihrer Eigenverantwortlichkeit, und die Anerkennung der zentralen Bedeutung der Qualitätsfrage. Guter Wille ist in Kunstfragen zu wenig, ja er ist geradezu kontraproduktiv, wenn die Kompetenz im Urteil nicht gegeben ist.Es ist notwendig, das Verhältnis von Kunst und Religion klar zu bestimmen. Die Zeiten, wo die Kunst in erster Linie im Dienst des christlichen Kultes stand, sind vorbei – sie endeten bereits im späten Mittelalter. Es ist auch zu wenig, Kunst im Dienst der Verkündigung zu sehen – diese Funktionalisierung vermindert meist die Qualität der Kunst. Vielmehr sind Kunst und Religion als zwei verschiedene Bereiche anzusehen, die einander gleichberechtigt gegenüberstehen. Gerade in der Neuzeit gibt es zahlreiche Werke, die nichts mit Religion zu tun haben – wie die wunderbaren Bilder der Impressionisten. Kunst tritt mit dem Anspruch der Gestaltung auf, was in der Religion nicht im Vordergrund steht. In ihr geht es primär um die Verwirklichung der Überzeugung im Leben. Dennoch gibt es vergleichbare Fragestellungen und Probleme zwischen Kunst und Religion. Johannes Paul II. hat das in seiner Ansprache 1980 in München so formuliert: „Das Thema der Kirche und das Thema der Künstler ist der Mensch, das Bild vom Menschen, die Wahrheit vom Menschen, wozu seine Geschichte, seine Welt und Umwelt gehören, ebenso der gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Kontext.“

Zwischen Tradition und Innovation

Ein wesentlicher Unterschied jedoch zwischen Religion und moderner Kunst ist hervorzuheben: Während es in der Religion um gemeinschaftliche Gottesverehrung und gemeinsames Handeln geht, bringt der moderne Künstler seine Subjektivität zum Ausdruck. Daher auch der Pluralismus heutiger Kunst, der für den Betrachter fast unüberschaubar ist und so zu ständigen Irritationen führt. Religion beruht auf Tradition, Kunst erstrebt Innovation.Das Gesagte gilt nicht nur für die bildende Kunst, sondern für alle Künste. Nicht zu übersehen ist, daß es in der Kunst auch Religionskritik gibt, so bei André Breton, Max Ernst oder Pablo Picasso. Man darf nie vergessen, dass jeder Brückenbau zwischen beiden Welten das Überbrücken eines Grabens ist.

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Religion und Kunst verbinden

Kunst und Religion sind die beiden großen Faszinationen meines Lebens. Religiös bin ich von meinem Elternhaus geprägt. In der Zeit des Nationalsozialismus kam ich in Verbindung mit der Linzer Domjugend und gewann dort gleich gesinnte Freunde. Kriegserlebnisse machten mir nachdrücklich bewusst, dass ein Leben ohne Glauben haltlos ist. In der religiösen Aufbruchszeit nach dem Krieg wurde ich Priester.In die Welt der Kunst hat mich Max Fischer eingeführt, ein naher Verwandter. Im Haus dieses bedeutenden Sammlers habe ich als Kind eine Zeit lang gelebt; dort begegnete ich neben Werken des Mittelalters schon damals Bildern von Klee, Kokoschka, Kubin und Schlemmer.Nach dem Krieg war für mich die Begegnung mit Otto Mauer wichtig. Er hat mir vorgelebt, dass eine Verbindung mit beiden – heute so weit auseinanderl iegenden – Bereichen von Kunst und Religion möglich ist. Die Redaktion der Zeitschrift „Christliche Kunstblätter“ und in der Folge von „Kunst und Kirche“ machte mich mit zahlreichen Künstlern und Architekten bekannt. Die intensive Auseinandersetzung führte mich zu der Erkenntnis: Das Jesusbild spielt in der Kunst unserer Zeit eine wichtige Rolle. Das war bis dahin völlig übersehen worden. Durch Vorträge, Artikel und die Christusbild-Ausstellung in der Neuen Galerie der Stadt Linz konnte ich das auch der Öffentlichkeit vermitteln.


Zeitzeugen

Die Rede verschlagen

„Für uns hatte er die Ausstrahlung eines großen Geistes, weil er voller Charisma war. Er hat Predigten gehalten, die wahre Kunstwerke waren. Und er hat sich darin selbst so hineingesteigert, dass er wie in einer Ekstase da oben auf der Kanzel schwebte. Er hat uns fasziniert, wie große Künstler faszinieren“, erinnert sich Arnulf Rainer an seinen frühen Entdecker und Förderer Otto Mauer. Der 1907 geborene Monsignore zählt zu den Animatoren der österreichischen Kunst der Nachkriegszeit.Ein katholischer Priester, der sich leidenschaftlich für die je neue, gerade entstehende Kunst einsetzt: Das war Mitte des 20. Jahrhunderts etwas so Außergewöhnliches, dass es vielen die Rede verschlagen hat und andere bis zur Weißglut empörte.Lange Zeit war die von Otto Mauer 1954 gegründete „Galerie St. Stephan“ – später „nächst St. Stephan“ – die führende Galerie für Gegenwartskunst in Österreich. Doch das allein charakterisiert ihn nicht: Zugleich war er einer, der die christliche Botschaft mit großem Einsatz engagiert – zuweilen auch streitlustig – verkündete, sei es gelegen oder ungelegen. Dabei blieb er immer ein geistig wacher, fragender und lernbereiter Mensch. Otto Mauer fand auch Anerkennung unter denen, die im Lager der Kirche nicht zu finden waren. Sein Tod 1973 war ein ebenso großer Verlust für die Künstler wie für die Kirche.
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