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Afrika vom Joch der Schuldenlast befreien

Jedes Kind hat Schulden von 3.500 Schilling am Hals
Ausgabe: 1999/32, Afrika, Bischof Charles Palmer-Buckle, Schuldenlast
13.08.1999
- Walter Hölbing
Bischof Charles Palmer-Buckle, Präsident der Caritas Afrika, analysiert das Bild des „armen Kontinents“. Die ungerechte Politik der „Ersten Welt“ ist für ihn Hauptursache, dass Afrika nicht auf eigene Füße zu stehen kommt.

Verbinden Sie mit dem „Erlass-jahr 2000“ die Hoffnung, dass afrikanischen Staaten ein Teil ihrer Schulden gestrichen wird?
Palmer-Buckle: Afrika ist mit ungefähr 2800 Milliarden Schilling verschuldet. Das heißt, jedes Kind, das heute in Afrika zur Welt kommt, hat schon eine Schuld von 3500 Schilling um den Hals. Wir können diese Schulden nicht bezahlen – das ist einfach unmöglich! Dazu kommt, dass ein großer Teil dieser Schulden auf sehr unfaire und ungerechte Weise gemacht wurde. Denken Sie nur daran, wieviel Geld Kongo-Zaire hatte, obwohl Mobutu damals schon ein Verbrecher war. Er hat immer Kredite von Amerika und Europa bekommen. Bevor er starb, besaß Mobutu selbst mehr Geld als der Staat. Es ist unfair und ungerecht, wenn heute dieses Land seine Schulden zurückzahlen muss.

Wie wirkt sich die Verschuldung auf afrikanische Staaten aus?
Palmer-Buckle: Wenn wir mit diesen Schulden weitergehen, wird Afrika nicht in der Lage sein, seine Zukunft und sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Um die Zinsen zurückzuzahlen, müssen wir Geld nehmen, das wir dringend für die Ausbildung und für das Gesundheitssystem brauchen. Im Übrigen haben wir unsere Schulden bereits zurückgezahlt: Für jeden Schilling, den wir bekommen haben, haben wir bereits 1,3 Schilling an Zinsen bezahlt. Europa und Amerika brauchen dieses Geld nicht. Warum also müssen wir immer diese Last um den Hals haben?

Gib es realistische Aussichten auf einen Schuldenerlass?
Palmer-Buckle: Amerika hat versprochen, Schulen in der Höhe von 980 Milliarden Schilling zu streichen. Die G-8-Staaten haben ebenfalls eine Zusage gegeben. Aber die Kampagne „Erlassjahr“ wird noch etwa 20 Jahre weitergehen müssen. Wir brauchen eine gerechte und faire Welt. Was uns fehlt, ist der politische Wille dazu. Viele Menschen sind nicht in der Lage abzuschätzen, welche Probleme hinter der Schuldenfrage stehen.

Eine Entschuldung wird oft an Bedingungen geknüpft, etwa an die Einführung demokratischer Strukturen.
Palmer-Buckle: Wir haben große Probleme mit der Frage, welche Art der Demokratie wir einführen sollen. Auch die Demokratien in Europa sind ja von verschiedenen Kulturen geprägt. Wir haben vielfach die typisch europäische, leider auch individualistische Form auf uns genommen: ein Mensch, eine Stimme. Es entspricht aber nicht unserer Kultur, allein zu stehen und allein eine Meinung zu äußern. Wir leben nach dem Grundsatz: „Ich bin, weil wir sind.“

Die Kirche meldet sich in Afrika in sozialen und wirtschaftlichen Fragen zu Wort. Wie reagiert die Politik darauf?
Palmer-Buckle: Manchmal üben wir unseren Regierungen gegenüber sehr harte Kritik, und manchmal geraten wir auch in Konflikt mit ihnen. Aber trotz allem muss ich sagen: Die Kirche ist eine der glaubwürdigsten Organisationen in Afrika. In vielen afrikanischen Ländern hat nur sie eine durchgängige Organisationsstruktur. Wir sind dazu verpflichtet, unseren Einfluss in die Politik einzubringen, weil wir die Möglichkeit haben, politische Einstellungen zu beeinflussen. In Ghana organisiert die Kirche beispielsweise seit zwei Jahren eine große Kampagne gegen die Korruption. Und die Bischöfe verfassen jedes Jahr einen Sozialbrief zu Fragen der Wirtschaft, Politik oder der sozialen Strukturen im Land.

Afrika gilt Europäern als „armer“ Kontinent. Stimmt dieses Bild?
Palmer-Buckle: Afrika ist als Kontinent sehr reich. Wir haben sehr viele Bodenschätze und ein sehr fruchtbares Land. Aber wir leiden unter unfairen Preisen und einem unfairen Weltwirtschaftssystem. Ghana baut zum Beispiel viel Kakao an und ist reich an Goldminen. Die Preise dafür werden aber von Europa aus diktiert. Wenn die Welt ein gerechtes Wirtschaftssystem hätte, könnte Afrika auch auf eigenen Füßen stehen. Unsere Welt hätte genügend finanzielle Mittel und genügend technisches sowie wissenschaftliches Wissen, um eine bessere und gerechtere Welt zu schaffen. Aber es fehlt an Ethik und Moral im Wirtschaftssystem.

Meine Spende lebt

Wir müssen den Menschen in Afrika bewusst machen, dass sie sich selbst viel mehr helfen können, als sie das bisher getan haben. Ich kenne viele Pfarren, die den Armen helfen, ohne dafür Hilfe aus Europa zu bekommen. Wir sind also nicht nur auf fremde Hilfe angewiesen. Gleichzeitig möchte ich für jede Spende, die wir erhalten, danken. Das Motto der Caritas-Augustsammlung lautet: „Meine Spende lebt“. Ich kann für Afrika behaupten, dass es stimmt – jede Spende an die Caritas wird für die Verbesserung des Gesundheitssystems, für die Ausbildung oder für die Wasserversorgung verwendet. Es ist auch gut, zu wissen, dass wir Mitschwestern und Mitbrüder in Europa haben, die sich in ihren Ländern für unsere Anliegen einsetzen.Interview: Walter Hölbing


Hintergrund

Wenig Geld kann viel helfen

„Hilfe für die notleidenden Menschen in Afrika ist trotz und gerade wegen der großen Probleme des Kontinents notwendig und sinnvoll“, erklärte der Präsident der Caritas Österreich, Franz Küberl, zum Auftakt der Caritas-August-sammlung. Bei seinem jüngsten Lokalaugenschein in Angola habe er erlebt, wie selbst in dem vom Bürgerkrieg geplagten Land gezielte Hilfe für Menschen mit ganz konkreten Nöten geleistet werden kann – ob durch Hungerhilfe, medizinische Versorgung, den Bau von Brunnen, Schulen oder durch Wiederansiedelungsprojekte.„Schon mit wenig Geld ist viel zu machen“, betonte Küberl. So können in Angola zehn Schilling die Versorgung eines Kranken für einen Tag in einem Spital sicherstellen. Mit der heurigen Augustsammlung hofft Franz Küberl an die 51 Millionen Schilling von 1998 anschließen zu können. „Dafür müssten wir nur von jeder Österreicherin und jedem Österreicher sieben bis acht Schilling bekommen.“
Darüber hinaus forderte der Caritas-Präsident neue Ansätze in der Entwicklungspolitik. Hilfsorganisationen könnten die Ursachen für die Hungersnöte nicht beseitigen, hier müsse die Politik „noch sehr viel tun“.

Spendenkonto: PSK 7,700.004, Kennwort „Augustsammlung“. Bitte beachten Sie den Zahlschein, der dieser Ausgabe beiliegt.
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