In der Kirche Brasiliens sind die Frauen das Rückgrat der Pastoral
Ausgabe: 1999/32, Brasilien
13.08.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
In der brasilianischen Kirche„regieren“ die Frauen mit. In der immer noch stark vom „Machismo“ beherrschten Gesellschaft werden 80 Prozent der mehr als 200.000 Basisgemeinden von Frauen geleitet.
Kann die Kirche für Frauen ein Raum der Befreiung sein, zumal in ausgeprägt patriarchalischen Gesellschaften? Ja, sagte die brasilianische Laientheologin Maria Joaquina Fernandes Pinto bei der Internationalen Missionsstudientagung im Bildungshaus St. Gabriel in Mödling. 80 Prozent der Aktiven in der brasilianischen Kirche seien Frauen. Die Mehrheit von ihnen gehört zu den Ärmsten, den politisch, sozial, familiär und sexuell Ausgebeuteten. Das öffentliche Auftreten in der Kirche war der einzige Raum für Frauen, um zu ihrer Würde zu finden, sagte Fernandes Pinto, die als Vizedirektorin des Theologischen Instituts von Rio de Janeiro auch Frauengruppen in der Diözese begleitet und als Beraterin in der Familienpastoral arbeitet. Sie war eine der Hauptreferentinnen der erstmals in ökumenischer Zusammenarbeit durchgeführten Missio-Tagung. Das Thema: Vom Rand in die Mitte, der Aufbruch von Frauen in Kirche und Gesellschaft.
Den Frauen die Arbeit, den Männern das Sagen
Innerhalb der Basisgemeinden, von denen es schon mehr als 200.000 in Brasilien gibt, würden 80 Prozent der Leitungsfunktionen von Frauen ausgeübt. Hier werden Probleme mit Kindern, der Arbeit, der Gesundheitsversorgung und in den Wohnvierteln angegangen. Die Basisgemeinden und damit die Frauen sind laut Fernandes Pinto auch präsent in den Gewerkschaften, den politischen Parteien, in landwirtschaftlichen Kooperationen und im Engagement für die Menschenrechte. Die Kirche biete Hilfen und Anstöße zur Weiterentwicklung an. So werde die Kirche zur „Mutter, die schon viele Kinder geboren hat“: Frauen kümmern sich um Straßenkinder, um Prostituierte, Gefangene und engagieren sich in der Friedensbewegung.
Der religiöse Bereich komme bei diesem hohen sozialen Engagement nicht zu kurz. Frauen treffen sich in Bibelrunden, gestalten Wortgottesdienste, spenden die Kommunion. Viele dieser Tätigkeiten haben laut Fernandes Pinto aber nach wie vor „Ersatzcharakter, weil die ,ordentlichen‘ Dienstträger nicht da sind“. 500.000 Frauen arbeiten im außerschulischen Religionsunterricht und in der Katechese. Hier finde man selten Männer, doch die „hohen“ Theologen seien immer nur Männer.Fernandes Pinto bedauerte, dass Frauen trotz ihrer vielfältigen Leistungen noch nicht gleichberechtigt in der Kirche agieren könnten. Den „vergiftenden Machismo“ in der Gesellschaft, der sich auch auf die pastorale Praxis auswirke, gelte es zu überwinden. Viele Frauen seien aber noch nicht aus dem Alptraum der Unterdrückung aufgewacht, so Fernandes Pinto. „Außerdem“, so betont sie, „die Erlösung und die Befreiung zum ganzen Menschen, zur Fülle des Lebens funktioniert nur gemeinsam mit den Männern, die hier aber noch nicht genügend mitziehen.“
Zum Beispiel
Auf den Märkten und zu Hause<
Frauen sind im westafrikanischen Ghana in vielfacher Weise Trägerinnen einer „informellen“ Verkündigung: Auf dem Marktplatz, in Krankenhäusern, Schulen, in der Familie verkünden Christinnen das Evangelium. Darüber informierte ein Referat der afrikanischen evangelischen Theologin Rose Ivy Tettekie Abbey bei der „Missio“-Studientagung in St. Gabriel.Auf den vielen Marktplätzen Ghanas sitzen zahlreiche Frauen, die mit ihren Waren oft stundenlange Anmarschwege in Kauf nehmen, um ihre Familien durchzubringen. Eine Gruppe engagierter Christinnen kümmert sich um die spirituellen und materiellen Bedürfnisse dieser Frauen. Die Gründerin des „Market Ministry“ ist von der presbyterianischen Kirche Ghanas mittlerweile ordiniert worden. Sie wirkt als Stoffhändlerin und Pfarrerin weiter mitten unter den Frauen. Durch traditionelle Rollenbilder sein Frauen in der Gesellschaft und den Kirchen Ghanas in vielerlei Hinsicht benachteiligt, so Abbey. Auch bei den Presbyterianern, die formell eine Frauenquote haben, klafften Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Biblische Frauengestalten wie Debora oder die Frauen am Grab Jesu weisen, so Abbey, einen Weg, wie sexistische Hindernisse zu überwinden sind: Sie hätten ihren göttlichen Auftrag erkannt und in all ihrer Schwäche ihre Befähigung zur Verkündigung angenommen. Die christlichen Kirchen dürften der Berufung von Frauen durch ihre Strukturen keine Hindernisse in den Weg legen: „Wer bestimmte Gruppen ausschließt, beansprucht die Macht Gottes für sich“, betonte die Pfarrerin aus Ghana: „Dazu haben wir kein Recht.“